Aber auch hier hatte ich vor Herrn Druey noch nicht vollständig Ruhe. Ob der Käufer meiner Druckerei, ein urchiger Berner, dem man polizeilich nichts anhaben konnte, etwas für denselben, oben nicht genannten Mann, druckte, weiß ich nicht, doch ich bezweifle es sehr. Nachdem ich seit einigen Monaten unbehelligt in Zürich gelebt, wurde ich eines Morgens auf die Polizei geladen. Herr Billeter, der Polizeisekretär, hatte einen Brief in der Hand, auf Grund dessen er mich befragte, ob ich Beziehungen zu dem Käufer meiner Druckerei in Murten habe. Meine Antwort lautete verneinend. Ob ich nicht wüßte, was derselbe jetzt druckte. Ich mußte wiederum meine Unwissenheit über diesen Gegenstand eingestehen. Ich habe ihm kürzlich einen Brief geschrieben, fügte ich hinzu, er solle mir doch recht bald den Rest meines Guthabens einsenden. — Nichts sonst? fragte Herr Billeter. — Sonst nichts! war meine treuherzige und wahrheitsgemäße Antwort. Der Herr Polizeisekretär schenkte zweifellos meiner Aussage volles Vertrauen. Ich stand sehr nahe bei ihm und er hielt den aus Bern eingetroffenen Brief so — war es vielleicht absichtlich? — daß ich ihn lesen konnte. Der von Herrn Druey unterzeichnete Brief hatte folgenden Schlußsatz, der sich fest in mein Gedächtnis eingeprägt hat: „S’il y a moyen d’éloigner Monsieur Born de la Suisse, ce serait le mieux.“

Herr Druey hatte ohne Zweifel geglaubt, mit der Art und Weise, wie er die politische Polizei handhabte, seinem Vaterlande nützlich zu sein. Ich will darüber mit dem Manne, der längst im Grabe ruht, nicht rechten. Die Züricher Regierung war nicht seiner Ansicht, sie ließ mich vollkommen unbehelligt; ich muß sogar sagen, daß sie mir während der nächsten Jahre meinen Weg erleichterte. Dasselbe muß ich überhaupt von den vielen schweizerischen Männern sagen, mit denen ich das Glück hatte, in den fünf verflossenen Dezennien in engere oder entferntere Berührung zu kommen. Man hat mich, wenn ich den einzigen Fall Druey ausnehme, stets mit Rücksicht und Wohlwollen behandelt. Und wenn ich meine Erinnerungen an dieser Stelle abbreche, so geschieht es mit dem Dankgefühl eines Mannes, der unverdienter Weise viel Gutes in dem Lande erfahren hat, das er als Verfolgter betreten hat.

Nachwort.

Die fünfzig Jahre, die seit den Ereignissen verflossen sind, an denen ich teilgenommen, haben Deutschland so viele Veränderungen gebracht, daß es mir Bedürfnis ist, ehe ich meine „Erinnerungen“ schließe, eine kurze Betrachtung an das anspruchslos Dargestellte zu knüpfen.

An der Grenze des neuen Reiches eingebürgert, durch den Umgang mit Leuten des jenseitigen Rheinufers, mit deutschen oder deutsch-freundlichen Kollegen an der Basler Universität, und namentlich als Redakteur der „Basler Nachrichten“ stehe ich in unausgesetzter Beziehung zur allgemeinen politischen Bewegung, speziell zum politischen Leben in Deutschland. Ich nehme innigen Anteil an seinen glücklichen Fortschritten und nicht minder an seinen, hoffen wir, unbegründeten Sorgen. Die Überzeugung, von welcher alle politisch denkenden Menschen im Jahre 1848 erfüllt waren, daß die deutsche Einheit nicht ohne harte Kämpfe, nicht ohne „Blut und Eisen“ errungen werden konnte, ist durch den Gang der Geschichte bestätigt worden. Der Riß, der durch die Reformation das deutsche Volk getrennt hat, ist freilich noch immer nicht ganz geheilt. Wäre er unheilbar? Die konfessionellen Gegensätze bestehen auch in der Schweiz, die selbst unmittelbar vor ihrer politischen Erneuerung des Jahres 1848 einen Bürgerkrieg aus religiösen Motiven durchzukämpfen hatte, die in neuester Zeit noch einen Kulturkampf bestanden hat und doch ist die politische Einheit dieser konfessionell und sprachlich geteilten Nation jetzt felsenfest begründet und über allem Zweifel erhaben. Ich bin deshalb überzeugt, daß auch im neuen deutschen Reich die geschaffene Einheit aus konfessionellen Gründen nicht ernstlich gefährdet ist — so lange nicht ein ungewöhnlicher Unverstand über die Geschicke des Landes verfügt.

Deutschland hat, wie ich überzeugt bin, durchaus keine Ursache, an seiner Zukunft zu zweifeln, so leidenschaftlich auch die Parteikämpfe sind, welche seine Bevölkerung vorübergehend spalten. Man überschaue mit Unbefangenheit, was in den letzten fünfzig Jahren geschaffen worden und man wird über die Größe des Erreichten staunen. Es scheint im Augenblick ein Stillstand in der Entwicklung eingetreten zu sein. Es ist nicht zu besorgen, daß die unterbrochene Arbeit nicht in kürzester Zeit wieder aufgenommen werde. Der konfessionelle Streit, der bis in die Gegenwart wegen des zur Kaiserwürde gelangten protestantischen Fürstenhauses einen unversöhnlichen Charakter anzunehmen schien, wird unter einem jüngeren Geschlecht sich allmählich abschwächen. Nur verlange man nicht, daß in wenigen Jahrzehnten zusammenbreche, woran Jahrhunderte gebaut haben.

Neben dem konfessionellen Streit ist es der die ganze Welt beherrschende Kampf des vierten Standes um seine Selbständigkeit, der die schwere Sorge der Gegenwart bildet. Dieser Kampf, von dessen Anfängen ich in den vorliegenden „Erinnerungen“ als Augenzeuge und Beteiligter erzählt habe, hat seither sein damals ins Auge gefaßtes Ziel erreicht, er hat eine starke Arbeiterpartei geschaffen und so deren geschichtliche Berechtigung bewiesen. Damit ist sicherlich sein Abschluß nicht gewonnen, er tritt vielmehr in eine neue Phase. Eine starke Partei ist entstanden, sie lebt, der Boden zu ihren Füßen ist geebnet. Man ist gespannt auf die Schöpfungen, die sie in Aussicht genommen, sie soll jetzt bauen. Was wird sie bauen? Nichts anderes als was die Zeit ihr zu bauen gestattet. Ein Baum wird seine Äste nicht in hohen Lüften wiegen, dessen Wurzeln nicht tief und weit herum im Erdreich ihre Stütze gefunden haben. So ist in der Geschichte niemals ein neuer Gedanke zur Wirklichkeit geworden, dessen Macht nicht in der Vergangenheit wurzelt. Annehmen, daß in dieser Welt, mit ihren Kasten, ihren Glaubens- und Standesunterschieden, die in der Erziehung, in der Geburt und im Besitz sich äußern, mit ihren Eitelkeiten, ihren Mißbräuchen, mit allen ihren offnen und geheimen Lastern in absehbarer Zeit, bloß durch eine dekretierte Änderung der öffentlichen Einrichtungen eine Welt der materiellen Gleichheit und Selbstverleugnung entstehen könne, das ist ein so in die Augen springender Aberglaube, daß selbst diejenigen, welche an die Verwirklichung eines solchen Traumes zu glauben sich einbilden, sich im Grunde doch bewußt sind, daß sie solches sich eben nur einbilden. Der neue Bau, zu dem der Grundriß noch fehlt, wird noch lange nicht begonnen, er wird überhaupt nicht begonnen werden. Denn es giebt weder einen alten, noch einen neuen Bau, es giebt nur einen einzigen, ewigen Bau, den der Menschheit Urväter begonnen haben, an welchem ein Jahrhundert nach dem andern sich beteiligt hat, indem es verfallene Teile fortgeräumt, um sie durch neue zu ersetzen und auf dem festen Grunde des mühsam Errungenen weiter in die Höhe zu streben, der Gesittung, der Wohlfahrt, der Freiheit einen Tempel zu errichten, zu dem unablässig Steine herbeigetragen werden, der nie ganz vollendet wird und an dem doch Geschlecht um Geschlecht ewig fortarbeiten. Erlahmen die einen, so werden sie durch andere abgelöst, auf Zeiten der Zwietracht folgen kurze Pausen scheinbarer Eintracht. Fort und fort jedoch, wie die nie rastende Stromeswelle, setzt die Jagd nach dem ersehnten und nie erreichbaren Glück wieder ein, das allgemeine Drängen nach einem Ziel, dem unsere Phantasie die verführerischsten Farben leiht, hört niemals auf und keiner erreicht es und jeder verfolgt es. Denn nicht das ferne Ziel bewirkt es, daß unsere Augen leuchten — am Ende entdecken wir vor dem Ziele doch immer das dunkle Grab — das Rennen selbst ist unser Bedürfnis und unser Glück, das Ringen, das Vorwärtsdrängen an sich, weil es uns belebt, über die Gemeinheit und die Wirrnisse des Daseins erhebt und für alle Mühsal und Sorgen des Tages uns entschädigt. Darum treibt es uns voran, ewig voran.