Welches Urteil nun haben wir Jubilare einer gewaltigen Bewegung von der Zukunft zu erwarten? Sie wird gerecht sein, sie wird sagen: Vorwärts wolltet ihr? Recht so. Ihr Unterdrückten, Übersehenen, Vergessenen, ihr habt euch an einem Tage heißen Zornes gegen diejenigen erhoben, die aus eurer Schwäche ihre Kraft gewonnen hatten und euch mißachteten. Ihr habt euer Leben eingesetzt und habt jene bekämpft. Wer darf euch tadeln? Ihr wurdet niedergeschlagen. Was thut’s? Ihr habt denen, die euch das Gesetz gemacht und euch beherrscht haben, eure vereinte Kraft gezeigt. Sie rächten sich an solchen, die in ihre Hände gefallen waren, durch grausame Härte; aber sie haben euch kennen lernen und sie begannen diejenigen zu achten, von denen man bisher kaum gesprochen. Ihr erhebt euch aus eurer Niederlage, ihr seid stark geworden. Nur einige Jahrzehnte und ihr stellt eine Macht dar, die aus dem Nichts zum Lichte emporgedrungen ist; man muß mit euch rechnen, ihr steht da als ein lebendiges Zeugnis für die Gesetze der Völkerentwickelung. Mehr noch: Aus den Reihen eurer angeblich gebornen Gegner treten die Denkenden zu euch heran, sie prüfen die Ideen, die eure Waffen waren und die euch getrieben zum Bau von Barrikaden und zur Bekämpfung eines erstarrenden, dem Tode geweihten Systems; eure Ideen erwerben euch Anhänger und immer mehr Anhänger im andern Lager, es kommt euch Hülfe von drüben und ihr werdet nicht mehr als tolle, hirnverbrannte Wesen betrachtet und verabscheut. Die Besten von drüben sagen: Sie haben recht gehabt und hätten wir schon damals aufrecht gestanden, wir hätten neben ihnen gestanden.

Das ist der Sieg der Ideen, der mehr wert ist als der Vorteil des Augenblicks, mehr als materielle Kraft und zufällige Überlegenheit der Arme oder der Zahl, und dieser Sieg über die Geister, er ist die wirkliche, die eigentlich gewonnene Schlacht. So dürfen wir, die Achtundvierziger, in unseren alten Tagen mit Beruhigung aussagen: Wir haben nicht vergeblich gerungen.

Übersehen wir jedoch eines nicht: Die Zeiten sind nicht mehr dieselben. Das, was die Jugend vor fünfzig Jahren in den Kampf getrieben, war der Kampf um die politische Gleichberechtigung und die Einheit der Nation. Die Ernte ist eingeheimst worden, so weit sie reif war. Und so wird auch in Zukunft Frucht um Frucht einzeln gepflückt werden, doch nicht eher als bis sie völlig reif ist. Es kommt auch keinem vernünftigen Menschen mehr in den Sinn, für irgend eine Forderung mit einer andern Waffe als dem Stimmzettel zu kämpfen. Diese Waffe ist von unwiderstehlicher Macht, wenn der öffentliche Geist sie trägt. Im Bewußtsein der Mitlebenden muß eine Forderung als gerecht und verständig, d. h. als erfüllbar anerkannt sein, soll sie als Gesetz ins Leben treten. Auf sozialem Gebiete giebt es keine gewaltsamen Umwälzungen. Was man die Wandlungen der Produktionsformen zu nennen berechtigt ist, das ist stets die Frucht vorausgegangener allmählicher Wandlungen im Verkehr der Nationen, die Folge der Vermehrung der Bevölkerung, der Entdeckung neuer Seewege, der Unzulänglichkeit der alten Produktionsformen zur Deckung der gesteigerten Bedürfnisse gewesen. Es giebt rasch verlaufende politische Revolutionen und sie können lokal beschränkt sein, es giebt soziale Evolutionen, die sich langsam und nur unter dem Einfluß des allgemeinen Weltverkehrs vollziehen. Wohin diese Evolutionen schließlich führen werden, das braucht heute unsere Sorge nicht zu sein. Die Menschheit ist noch jung. Warum soll sie nicht noch hunderttausend Jahre und noch viel länger leben? Welchen Grund haben wir heute, von dem Siege des vierten Standes das Aufhören aller Klassenkämpfe, d. h. eine Entwicklungsstufe zu erwarten, die etwas wie das Paradies auf Erden wäre?

Diese Anschauung gelangt sichtbarlich auch in den Kreisen zur Herrschaft, die sich, so lange es sich um das allgemeine Stimmrecht handelte, als revolutionär bezeichneten. Aus den Sozialrevolutionären werden Sozialreformer, das liegt im Zuge der Zeit.

Wollen wir mit Obigem sagen, daß Deutschland ganz sorglos in die Zukunft schauen darf? Sicher nicht. Infolge seiner Lage im Centrum Europas, von mehr als einer feindlichen Macht an seinen Grenzen bedroht, wird es noch lange auf seine Sicherheit gegenüber äußeren Feinden zu achten haben. Daß seine innere Entwicklung sich ohne allzu harte Reibungen vollziehe, möge man besonders da nicht außer Augen lassen, wo man für Deutschlands Zukunft zumeist verantwortlich ist.

Druck von Gottfr. Bätz in Naumburg a. S.


Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1898 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.