Dem gleichen Zweck der inneren Beruhigung dienen beispielsweise auch die verschiedenen Perlenketten, die man vor allem bei arabischen Kaufleuten häufig antrifft. Um jede Übereilung zu verhindern und ein gewisses methodisches Vorgehen des Verstandes anzuregen, lassen sie gedankenlos und automatisch an ihren Perlenketten eine Perle nach der anderen langsam durch ihre Finger gleiten. Dadurch wird die Zeit gewissermaßen fühlbar gemacht und in gleichmäßige Intervalle eingeteilt. Jeder, der bei starker Beanspruchung seines Denkvermögens einmal zu solch einem Hilfsmittel gegriffen hat, wird mit Verwunderung die tatsächlich stark beruhigende Wirkung festgestellt haben. Man kann auch in Europa bei sehr vielen Menschen irgendwelche ganz unwillkürlichen gleichmäßigen Bewegungen bei schwieriger Gedankenarbeit beobachten, so daß scheinbar ein instinktiver Drang nach einer Rhythmisierung des Zeitablaufes a priori im Menschen vorhanden ist. Der eine wippt mit den Fußspitzen, der andere klopft mit dem Finger oder seinem Fingerring gedankenlos an seinen Stuhl oder Tisch, die meisten aber greifen zu einem Rauchmittel, das heute beinahe zu einem unentbehrlichen Konferenzrequisit geworden ist. Man kann deutlich bemerken, daß ein langsam und scheinbar sorgfältig genossenes Rauchmittel in Augenblicken starker geistiger Anstrengung zu einem Instrument gleichmäßiger, automatischer, skandierender Nebensächlichkeit wird, das alle störenden Beeinflussungen von Seiten der Umwelt bindet und somit unschädlich macht.
Mit dem eigentlichen Rauchgenuß hat diese Nebenerscheinung nichts zu tun. Die beruhigende Einwirkung, die den eigentlichen Wert des Tabaks ausmacht und weder durch Rosenketten noch durch ähnliche Dinge ersetzt werden kann, beruht in seiner — wenn auch noch so schwachen — narkotischen Wirkung.
Die narkotische Wirkung des Tabaks ist außerordentlich verschieden und nicht unmittelbar von den Qualitätsgraden abhängig. Analytisch ist der Nikotingehalt gerade bei den edelsten Dubec-Blättern prozentual am geringsten und bei den ganz tief am Stamm sitzenden Blättern am stärksten. Die Genußwürdigkeit dagegen steht hierzu im umgekehrten Verhältnis.
Die Einwirkung des Tabakrauchens auf den Organismus erfolgt durch die Atmungsorgane. Man hört häufig den Vorwurf gegen die Cigarette, daß sie das Inhalieren des Tabakrauches gegenüber den früher verwendeten Pfeifen und Cigarren begünstige. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß das Inhalieren bei Pfeifen und Cigarren zwar seltener ist, die effektive Wirkung aber eher umgekehrt; und da sich überhaupt keine andere Möglichkeit der Beeinflussung des Körpers durch den Tabakgenuß auffinden läßt, ist schließlich letzten Endes die Wirkung selbst entscheidend. Die amerikanischen Tabake und vor allen Dingen ihre Gebrauchsformen, die sich durch besonders breite und große Brandflächen gegenüber der Cigarette charakterisieren lassen, wirken bedeutend schwerer als Cigarettentabake, und dementsprechend ist ihre Einwirkung durch die Atmungsorgane auch erheblicher. Außerdem wird jedoch bei jeder Tabakart und Rauchform die unmittelbare physische Wirkung auf die Lunge ganz außerordentlich überschätzt. Man verkennt vollkommen das enorme Anpassungsvermögen des menschlichen Körpers. Wenn den Wirkungen nachgegangen werden soll, die ein unmäßiger Tabakgenuß hervorruft, dann sind diese wohl kaum je in irgendwelchen Schädigungen der Lunge zu suchen, sondern fast ausschließlich in den Beanspruchungen der Nerven, denn durch die Lunge gewinnt der Tabak einen gewissen Einfluß auf das Blut, das Blut selbst teilt diesen den Nervenenden mit, und in den nachweisbaren Einwirkungen auf das Nervensystem müssen wir das einzige sehen, wodurch eine Beeinflussung des menschlichen Organismus durch den Tabakgenuß stattfindet. Wie sich manche törichten Menschen an Lasten überheben, die ihre Kräfte bei weitem übersteigen, und dadurch Schaden an ihrer Gesundheit nehmen, so gibt es auch Menschen, die ihrer Genußsucht keine Grenzen setzen. Aber bei dem Tabakgenuß weiß die Natur Mittel, um den Raucher zur Ordnung zu rufen. Sobald die Beeinflussung des Körpers einen gewissen harmlosen Grad übersteigt, macht der Körper eine erhöhte Anzahl von weißen Blutkörperchen mobil, die eine gründliche Reinigung vornehmen. Dies wird von einer Erhöhung der Körpertemperatur begleitet, so daß der Raucher sich heiß oder sogar fieberig fühlt. Dies ist ein Warnungsruf: »Halt, jetzt hör auf!« Darauf muß der Raucher unbedingt achten, denn wenn er diese Stimme der Natur überhört, wird sie sehr energisch und steigert dies bei außergewöhnlichen Exzessen bis zu wirklichem Fieber, Frösteln, Schwäche und Schwindelanfällen: eine sogenannte Nikotinvergiftung. Gegen sinnloses Übertreiben und die Unvernünftigkeit der Menschen gibt es allerdings keine Mittel, aber daran ist nicht der Tabak schuld. Es ist eben hier auch so wie sonst überall im Leben. Wenn jedoch der Warnung der Natur Folge geleistet wird, dann bleibt sie ohne die geringsten Folgen. Als gutes Gegenmittel merke man sich Kaffee und Tee, die als gerbsäurehaltige Stoffe das Alkaloid Nikotin binden und dadurch unschädlich machen. Deshalb raucht der kluge Türke am liebsten seine Cigarette zu einer guten Tasse Mokka, wobei sich beide Genußmittel gegenseitig in sehr weitgehendem Maße aufheben.
Die dem Mundspeichel durch den Tabakrauch mitgeteilten Stoffe, deren Geschmackseigentümlichkeiten an dem sogenannten Nachgeschmack erkannt werden, gelangen durch das gewohnheitsmäßige Schlucken in den Magen. Man hört infolgedessen häufig die Annahme, daß der Einfluß des Tabakgenusses auf den Raucher vorzugsweise hierdurch erfolgt. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn die dem Speichel mitgeteilten Stoffquanten sind außerordentlich gering (wie wir an der bezeichnenden Geringfügigkeit des Nachgeschmackes sehen), und außerdem würde selbst ein Tabaksud einen gründlich verdorbenen Magen ergeben, aber keineswegs die typischen Genußerlebnisse des Rauchens. Man hört hin und wieder, daß die durch den Speichel aufgelösten Tabakstoffe eine Förderung der Verdauung bewirken, also leicht abführend wirken, aber von Beschwerden könnte nur dann die Rede sein, wenn der Magen nicht in Ordnung und daher überempfindlich war, also sowieso eine ganze Reihe von Dingen nicht vertragen hätte, die für einen gesunden Magen sogar wichtige und unbestreitbar wertvolle Nahrungsmittel sein können. Wenn jemand einen schwachen Magen hat, ist ihm wohl einerseits ein starker Tabakgenuß nicht zu empfehlen, aber andererseits müßte man den betreffenden gleichzeitig vor einer ganzen Anzahl schöner Dinge wie Hummermayonnaise, Plumpudding u. a. warnen. Ähnlich wäre es, wenn man von einem Einwirkungsweg des Tabaks auf den menschlichen Körper reden würde, sobald irgend jemand bei starker Erkältung und übergroßer Empfindlichkeit der Atmungsorgane durch den Tabakrauch Hustenanfälle bekommt. Wenn jemand stark erkältet ist, so wird er tunlichst seinen Tabakverbrauch auf ein Mindestmaß beschränken oder lieber zeitweise überhaupt einstellen, ohne daß dies für die Frage nach der Beeinflussung des menschlichen Körpers durch den Tabak von Bedeutung sein kann.
Die mittelbaren Arten des Tabakgenusses, die den unmittelbaren des reinen Geschmacksgenusses gegenüberstehen, lassen sich in zwei Gruppen teilen. Einmal handelt es sich um Anregungen des reinen Einbildungsvermögens, und weiterhin um die obig beschriebene Einwirkung auf die Nerven. Beide Arten sind sowohl unter sich als auch von dem unmittelbaren Geschmacksgenuß untrennbar. Keine Art tritt irgendwie allein auf, sondern erst alle zusammen ergeben in ihrer außerordentlichen Kompliziertheit und Fülle von unkontrollierbaren Einzelempfindungen dem Kenner den im einzelnen niemals restlos definierbaren, beinahe geheimnisvollen Genuß an einem edlen Tabak.