Dem Menschen ist es nicht gegeben, eine größere Anzahl von unzusammenhängenden Sinneseindrücken gleichzeitig empfinden zu können. Es ist demnach natürlich, daß der Tabakgenuß einen bestimmten Bereich des Vorstellungsvermögens des Menschen in Anspruch nehmen und den Menschen dadurch von vielen störenden Dingen ablenken kann, die ihm zwar vielleicht nicht zum Bewußtsein kommen, die aber in ihm ein Gefühl der Unrast und der Konzentrationsunfähigkeit erregen. Die gleiche Wirkung erzielt der Tabakgenuß durch seine Beeinflussung der Nerven. Bei dem modernen Menschen existiert meistens eine außerordentliche Überempfindlichkeit der Nerven. Der Tabakgenuß vermag nun diese Überempfindlichkeit zu dämpfen. Es ist ähnlich wie bei den vielen allopathischen und homöopathischen Beruhigungsmitteln, die Ärzte zu verschreiben pflegen. Nur ist die rein organische Wirkung ganz unvergleichlich schwächer, denn, wie gesagt, kommen beim Tabakgenuß so viel mehr suggestive Momente hinzu, daß die praktische Wirkung der Beruhigung und Abdämpfung der Überempfindlichkeit der Nerven in den feinsten Graduierungen erreicht wird, ohne daß die tatsächlich physische Beeinflussung der Nerven wesentlich zu sein braucht.
Die Abdämpfung der Überempfindlichkeit der Nerven zusammen mit der Ablenkung, die alle physischen und psychischen Wirkungen des Tabaks ergeben, lassen den Menschen eine Ruhe und eine Behaglichkeit kennen lernen, die er anders sich nur durch stets recht wenig empfehlenswerte Drogen verschaffen könnte. Es ist zu allen Zeiten bekannt gewesen und auch gerade in dem letzten Kriege immer wieder bestätigt worden, wie sehr der Tabakgenuß den Menschen über die Mangelhaftigkeit einer Situation hinwegzubringen vermag. Er stillt Schmerzen, beruhigt den Hunger und läßt die größten Aufregungen überwinden. Wie häufig bringen starke geistige Beanspruchungen das menschliche Gehirn in eine Unruhe, die schließlich keinen geschlossenen Gedanken ganz mehr aufkommen läßt. Das durch starke Stöße angetriebene Räderwerk des Gehirns kommt nicht zum Stillstand; selbst dann nicht, wenn die Aufgabe vollbracht ist, also Hoffnung und Anrecht auf Ruhe und Erholung besteht. Der Tabak dämpft die Unrast des Räderwerkes. Er verschließt die vielen Pforten zu den Nebenwegen haltloser Gedankenabschweifungen und beseitigt die ununterbrochene Ablenkung von beabsichtigten großen Gedankengängen, die der moderne Mensch mit seinem häufig so mangelhaften Konzentrationsvermögen, der Überreiztheit seiner Nerven und der daraus sich ergebenden Zerstreutheit und gedanklichen Zersplitterung dauernd erlebt. Der Tabakrauch wirkt wie das Öl im Kompaß; es verhindert nicht die Zielrichtung der Kompaßnadel, aber es sorgt dafür, daß die Nadel nicht von jeder Kleinigkeit abgelenkt wird und ununterbrochen unruhig hin und her zittert, sondern daß sie ruhig, sicher und beständig ihre Aufgabe erfüllt.
Die Schönheit des kultivierten Tabakgenusses liegt aber vor allem in der sich aus dem Vorhergehenden ergebenden Anpassungsfähigkeit der Wirkung an die jeweiligen Bedürfnisse. Demjenigen, der sich behaglich ausruhen will und Ablenkung von allen vorhergehenden Beschäftigungen sucht, ermöglicht er eine ruhige innere Behaglichkeit. Andererseits ermöglicht der Tabakgenuß demjenigen, der die Anregung zu intensiver Arbeit sucht, die notwendige Konzentration der Gedanken und die Erfrischung seines körperlichen Befindens. Selbstverständlich ist physisch die Wirkung des Tabaks immer wieder dieselbe, und nur nach Stärkegraden abstufbar, aber gerade weil die Wirkung nicht wie bei Schlafmitteln oder ähnlichen Drogen in starker physischer Beeinflussung beruht, sondern weil sie beinahe nur andeutet und anregt, ermöglicht sie die ruhige, sichere Grundfläche, auf der sich ungestört alles das aufbauen läßt, worauf die Wünsche des Rauchers abzielen. Selbstverständlich spielt hierbei die Einbildung eine große Rolle, aber sie ist ein wichtiger Bestandteil des Tabakgenusses. Es ist keine Einbildung, die auch ohne den Tabakgenuß konstruiert werden könnte, sondern sie kann eben nur durch die wenn auch geringen Einwirkungen auf die Nerven zusammen mit den wichtigen Geschmacksmomenten entstehen. So ist es tatsächlich möglich, daß man in einem Falle durch den Tabakgenuß lebhaft angeregt wird und in einem anderen Falle gerade gegenteilig beruhigt wird. Diese mit verschiedenen Differenzierungen möglichen verschiedenen Wirkungen kann der kultivierte Raucher durch bestimmte Geschmacksdifferenzierungen unterstützen. Die Wichtigkeit der verschiedenen Geschmacksarten ist gerade darin zu suchen, daß sie das jeweilige Endergebnis der verschiedenen praktischen Wirkungsmöglichkeiten bis zu einem gewissen Grade bestimmen.
Es ist gesagt worden, daß durch eine Auswahl der Tabake nach verschiedenen Geschmacksakkorden die jeweilig beabsichtigte Wirkung des Rauchgenusses bestimmt werden kann. Außer einer solchen Anpassung an die jeweilig durch Augenblicksstimmungen bedingten Geschmacksforderungen wird jedoch vor allem die Anpassung an die jeweils individuellen Eigenarten des Rauchers vorauszusetzen sein.
Die individuellen Eigenarten eines Rauchers liegen einerseits in der Eigenart jedes persönlichen Geschmacksempfindens begründet, andererseits ist das Temperament und deshalb sogar die Lebensanschauung des einzelnen von grundlegender Wichtigkeit. Es mag snobbistisch klingen, wenn in scheinbarer Anlehnung an ästhetisierende Phrasenhelden heutiger Mode »unproblematische« und »primitive« Genußmittel mit weltanschaulichen Dingen zusammengezogen werden, aber die Tatsache des innigen Zusammenhanges ist jedem Untersuchenden so unbestreitbar, daß eine Tabakbewertung auch von dieser Seite aus zu vertreten ist.
Schon der alte Platon teilt alle Genußmöglichkeiten des Menschen in zwei scharf voneinander zu trennende Arten, die den Zusammenhang des Tabakgenusses mit den wesentlichsten geistigen Werten des Menschen bedingen. Er unterscheidet einerseits die negativen Genüsse, d. h. solche, die nur in der Beseitigung eines Mangels bestehen. Hierzu rechnet er alle Genüsse des Essens, des Trinkens, der Liebe usw., die Befriedigung aller körperlichen Bedürfnisse, die ja erst durch die Voraussetzungen des Hungers, des Durstes, der Liebessehnsucht usw. möglich werden. Die andere Art von Genüssen nennt er Geschenke der Götter. Hierzu gehören nur zwei Formen: die Freude an Erlebnissen und Ergebnissen des Verstandes und Narkotika. Unter Narkotika verstanden die alten Griechen zwar noch nicht den Tabak unserer Zeit, aber ein Rauschmittel, das praktisch für sie dieselbe Bedeutung hatte wie für uns der Tabak, denn es waren wohlriechende Räuchereien, die zum Zweck leiser Abdämpfung der Nerven und Befreiung des Geistes aus den Hemmungen körperlicher Gebundenheit eingeatmet wurden. Solche Genußmittel und die mannigfaltigen Betätigungen des menschlichen Geistes waren die voneinander untrennbaren »Geschenke der Götter«. Man lese im Symposion des Xenophon die Worte des großen Sokrates, mit denen er den Segen dieser Göttergeschenke gegenüber der brutalen Genußsucht seiner Zeit vertritt, und man wird verstehen, welchen innigen Zusammenhang ein harmloses, primitiv erscheinendes Genußmittel in Wirklichkeit mit den unsterblichen Worten und Werken der alten Griechen beansprucht hat, vor denen wir heute noch voll Staunen und ehrfürchtiger Bewunderung stehen.
Das göttliche Geschenk unserer Zeit ist der Tabak: in ihm liegt die Philosophie unserer Zeit begründet. Aus seinen Erscheinungsformen lassen sich die Stile und Charaktere der Jahrhunderte seiner Herrschaft erkennen, denn die Innigkeit seines Zusammenhanges mit dem Wechsel der Anschauungen verlangt eine Anpassung seiner Wirkungsarten, aus denen wir heute rückwirkend psychologische Studien der Zeiten machen können. Es wird wohl kein Genußmittel vorgewiesen werden können, das derartig anpassungsfähig ist wie der Tabak. Nicht nur die unendlich mannigfaltigen rein geschmacklichen Abstufungen, sondern auch die mannigfaltigen Genußformen, z. B. in den verschiedenen Pfeifenarten, als Kautabak, Schnupftabak, Cigarre, Cigarette und als Räuchermittel, ergeben Varianten, die den weitest auseinanderliegenden Genußbedürfnissen gerecht werden können.
Um innerhalb der Vielheit von Erscheinungsformen eine gewisse Übersicht zu gewinnen, müssen wir uns auf einige wenige typische Formen beschränken und jedem Leser überlassen, durch Ableitungen und Mischungen unter den aufgestellten Beispielen nach eigenen Erfahrungen die der Wirklichkeit entsprechende Mannigfaltigkeit zu ergänzen. Weiterhin müssen wir die vielen Formen eines Tabakgenusses ausschalten, die dem modernen Europäer fast unbekannt sind und niemals Einfluß gewonnen haben. Streng genommen sind doch auch Opium, Haschisch, Betelnuß, Kiff-Kiff und sogar Kokain und Äther Genußmittel, die durch Rauchen, Kauen, Schnupfen genossen werden, tabakartige Narkotika, wenn auch ihre Gleichstellung mit den Erzeugnissen aus der Tabakpflanze sehr ungerecht sein würde. Für den Europäer sind jedoch eigentlich nur die verschiedenen amerikanischen Tabake mit ihren süd- und westeuropäischen, afrikanischen usw. Anbaugebieten einerseits und die Orienttabake im Südosten Europas und Vorderasiens andererseits von allgemeiner Bedeutung. Die Unterscheidung ist historisch nicht richtig, aber praktisch durchaus anwendbar, so daß wir im folgenden zwischen amerikanischen und orientalischen Tabaken unterscheiden wollen, ohne dabei an entsprechend begrenzte Herkunftsländer zu denken.
Die beiden Tabakarten unterscheiden sich in ihrem Geschmack wie in ihrer Rauchwirkung grundsätzlich. Sie entsprechen verschiedenen Menschenarten und verlangen entsprechend unterschiedliche Genußmethoden.