Der Geschmacksakkord der amerikanischen Tabake wird besonders durch seine hauptsächlichen Verbrauchsformen: in der Pfeife und als Cigarre bedingt. Beide Formen ergeben gegenüber der Cigarette eine weitaus größere Brandfläche, wodurch das Empfinden größerer Völligkeit und größerer Wärme ausgelöst wird. Ohne das positive Gefühl größeren Rauchvolumens beim normalen Ziehen an der Pfeife oder Cigarre würde der Genuß des amerikanischen Tabaks unvollkommen bleiben müssen, denn die Geschmackseigenarten sind meist sehr fein unter einer recht großen Herbheit des Rauches verdeckt. Auch die eigentliche Rauchwirkung ist nur langsam fortschreitend; sie würde bei zu geringer Völligkeit nur ungenügend zur Entwicklung kommen. Dem Cigarettenraucher ist außer der Wärme und der Völligkeit beim Rauchen der amerikanischen Tabake besonders die schon genannte Herbheit auffallend. Die Nervenenden der Nase scheinen mit ziemlicher Bitterkeit und Schärfe gereizt zu werden, und nur langsam entwickelt sich daneben ein eigentliches Aroma, das der richtige Cigarrenkenner jedoch gerade bei den ersten Zügen am deutlichsten zu verspüren meint. Man muß sich zwei verschiedenartige Stärkegraduierungen vorstellen, um sich ein Beurteilungsbild zu schaffen. Ein Rauchmittel kann äußerlich und auch innerlich kräftig sein. Äußerlich kräftig soll heißen, daß die beizende Wirkung auf die Geschmacks- und Geruchsnerven sehr stark ist; innerlich soll dagegen heißen, daß ihre Rauchwirkung ganz unabhängig vom Geschmack kräftig oder nachhaltig ist. Dies entspricht verschiedenen Geschmacksforderungen: die einen lieben ein mildes Aroma bei relativ kräftigerer narkotischer Wirkung, die anderen wollen den Rauch vor allem richtig »fühlen«. Im Bereiche auch aller der Tabakarten, die wir aushilfsweise einfach amerikanische Tabake nennen, gibt es, wie schon gesagt, eine übergroße Zahl unterschiedlichster Provenienzen, Sortierungen und Mischungen. Zum Unterschied vom Orienttabak ist er jedoch keineswegs auf so komplizierte Mischungsrezepte angewiesen, um genossen werden zu können. Er ist relativ einfach. Die Unterschiede der Tabake von Habana, Sumatra, Java, Portoriko, Mexiko, Varinas, Manila, Maryland usw. beruhen zwar auch auf aromatischen Variationen, aber hauptsächlich auf den verschiedenen Verhältnissen der äußeren und inneren Kraft der Rauchwirkung. Bei den Habana-Tabaken ist das Verhältnis zugunsten eines sehr edlen Duftes sehr weit nach der inneren Kraft verschoben. Deshalb wird gerade dieser Tabak als hochwertiges Würzmittel bei sehr vielen Mischungen verwandt. Aber auch bei ihm ist die innere Wirkung an eine langsame Entwicklung gebunden.

Diesen Eigenarten des amerikanischen Tabaks entsprechen auch ihre Freunde. Die langsame Entwicklung seiner inneren Kraft verlangt eine relativ lange Dauer des Rauchvorganges und die entsprechende Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit. So sehen wir den richtigen Cigarrenraucher in unbeirrbarer Ruhe die ganze Entwicklung genießerisch auskosten. Junge Leute verstehen selten, eine gute Cigarre richtig zu genießen; sie haben weder die Zeit, die Ruhe, noch die beschauliche Lebensphilosophie, die zur Cigarre gehört. Allerdings ist der intensive Genießer der Cigarre ein Extrem, das nicht allzu häufig vorkommen mag, aber mehr oder weniger hat jeder Cigarrenraucher von diesem Typ in sich. Das vollkommenste Bild ergibt der genießerisch und kultivierte Holländer der alten Zeit. In ihm hat eine jahrhundertelange Tradition seiner Kolonialbeziehungen eine Rauchkultur entstehen lassen, die nirgends sonst in der Welt gefunden wird. Die Einfachheit des Aromas und das Konkrete der voluminösen Rauchwirkung edler amerikanischer Tabake ergab die Weltanschauung saturierter Menschen. Sie lieben positive und einfache Dinge. Die schweren Importen setzen einen guten Magen voraus. Die Beschaulichkeit des Genusses bedingt ein ruhiges, streng geregeltes Leben, das sich in der holländischen Häuslichkeit und dem unbeirrbaren Konservativismus der Vertreter alter Rauchkultur zeigt. Es bedingt das Bedürfnis eines soliden Fundamentes auch eine Begrenzung der Interessen auf wenige Dinge positiver Art. Daher die Abneigung gegen alles Genialische und die häufige Abwertung der Menschen nach einseitigen Gesichtspunkten, z. B. der jeweiligen Vermögensbasis. Aber die alten Herren haben einen Stil und eine Lebenskunst bewiesen, die sie mit Recht jedem Angreifer auf ihre etwaige Nüchternheit, ihr Spießbürgertum und ihre Verachtung spekulativer Dinge zur Rechtfertigung vorweisen können.

In allen möglichen Abschattierungen findet man in aller Herren Ländern Konsumenten amerikanischer Tabake, die dem Typ des alten Holländers mehr oder weniger ähneln. Die Ähnlichkeit der Weltanschauungen nimmt mit der Ähnlichkeit der Genußformen zu und ab. Von dem erklärten Typ der edlen amerikanischen Tabake leichterer äußerer und schwererer innerer Kraft laufen Ketten von Übergängen nach den anderen Grenzfällen, die mehr durch kräftiges äußeres Aroma zugleich oder auch ohne innere Kraft oder gar durch Verzicht auf Kraft in beider Hinsicht charakterisiert werden.

Die äußerlich größere Milde der edlen holländischen Cigarren leistet der beruhigenden Wirkung des Rauchgenusses mit dem Ziel der Erholung Vorschub. Die Zunahme der geschmacklichen Reizung veranlaßt bei aller Beruhigung der Nerven eine mehr anregende Wirkung. Infolgedessen werden die Cigarren stärkerer aromatischer Art vorzugsweise in romanischen Ländern geraucht, wo das lebhaftere Temperament keine rechte Würdigung der geschmacklich weniger aufdringlichen Tabake aufkommen läßt. Dem Nordländer erscheint der Romane sehr oft äußerlicher und manchmal oberflächlicher, als objektiv zugegeben werden kann; aber dieser Anschauungsunterschied prägt sich sehr deutlich in den Genußformen des Tabaks aus. Eine Pfeffersuppe, wie sie der Spanier kennt, ist in Nordeuropa eine Unmöglichkeit, aber trotzdem kann man nicht allgemein von einem geringeren Geschmacksraffinement der Romanen sprechen. Charakteristisch ist jedoch für sie das Bedürfnis stark anregender Geschmacksreize, ohne die er keinen wirklichen Genuß anerkennt. Der Romane ist selten fähig, ein Genußmittel fast um seiner selbst willen zu verehren. Es ist ihm Mittel zum Zweck, ohne Gedanken an Vertiefung. Er will einen unmittelbaren Reiz verspüren, trotzdem er auch bei den schärfsten Reizen noch Unterschiede macht. Es läßt dies den Verdacht aufkommen, daß seine Sinne schon sehr abgestumpft und verbraucht sind, daß er Sensationen verlangt, die den Stierkämpfen der Spanier und den Grausamkeitsinstinkten mancher alten Völker entsprechen. Es liegt scheinbar eine Weltanschauung zugrunde, die sich in äußerlichen Wirkungen, scharfen Genüssen, extremen Vorstellungen und in einer Schärfe äußerer Gegensätzlichkeiten auslebt, ohne daß große Beharrlichkeit, Methodik, ernste Vertiefung und positive Fundierung gesucht wird. Es gibt dort Cigarren von einer Giftigkeit des Geschmacks. daß deren Genuß schon beinahe pervers genannt werden kann; es liegt manchmal — cum grano salis — fast ein wenig genießerische Selbstquälerei zugrunde. Bei den noch möglichen Unterschieden der äußerlichen Geschmacksmomente und den entsprechenden individuellen Unterschieden der Raucher besteht trotzdem keine betonbare Individualität. Die überraschend große Gleichförmigkeit des Tabakgenusses verbürgt ein geringes Individualisierungsbestreben innerhalb des Volksganzen als Masse. Die Kultur des Romanen ist die schöne Kultur der Geste, der gedanklich unbeschwerten Form, der den Nordeuropäern beneidenswert erscheinenden künstlerischen Selbstverständlichkeit und scheinbaren Problemlosigkeit. Sie läßt eine Kultur der Cigarre am holländischen Maßstab gemessen nicht zu, sie ergibt keine Häuslichkeit, keine Beständigkeit und keine Intimität. Weil dem Romanen an der Vertiefung der inneren Wirkung nichts liegt, wertet er für die amerikanischen Tabake auch die sonst wenig verständliche Form der Cigarette aus. In dieser Form verliert infolge der kleineren Brandfläche und der kürzeren Genußdauer der amerikanische Tabak seine innere Kraft fast ganz und gar. Der in der Cigarre durch die Schärfe hindurch lebendige aromatische Geschmack wird gleichfalls sehr vermindert; es bleibt das äußerliche Vergnügen am Rauchvorgang selbst, an den automatischen Bewegungen und vor allem an der Sensation des herben Tabakreizes, der nur wenig feinere Geschmackseigenarten und Graduierungen empfinden läßt. Hier ist der Tabakgenuß zu einer ganz nebensächlichen, lediglich anreizenden Aufgabe abgedrängt worden. Sein Genuß ist völlig andachtslos geworden und dadurch kaum entwicklungsfähig.

Außer diesen Grenzfällen äußerlicher und innerlicher Kraftentfaltung des Tabaks gibt es noch eine Kategorie von Menschen, die zwar gern Cigarren rauchen, aber in der immerwährenden Angst vor der Kraft leben. Es sind die vielen besonders in Deutschland heimischen Raucher, die stets nach kleineren Formaten und hellen Farben in der Hoffnung auf große Leichtigkeit des Tabaks suchen. Sie kennen keine Intensität genießerischer Rauchmethoden, auch nicht die Brutalität ätzender Sensationen, sie suchen eine milde leichte Sorte und haben die Idee aufgebracht, daß die Milde an der Helligkeit der Deckblattfarben erkennbar sei. Diejenigen dieser Kategorie, die noch das Bedürfnis aromatischer Erlebnisse mitbringen, sind eigentlich verloren gegangene Cigarettenraucher. Sie haben die Cigarre von ihren Vorbildern übernommen, ohne die Zeit und Ruhe für einen intensiven Genuß aufbringen zu können oder einen Sinn für scharfe Anreize zu besitzen. Diese Zwischengeneration versucht in ihrer Anschauung traditionell zu sein, ohne auch nur eine Ahnung von dem Stil ihrer Vorbilder zu haben; sie rauchen aus einem unklaren Verlangen heraus, pendeln ziemlich wahllos zwischen scheinbaren Geschmackskulturen hin und her, ahmen mehr nach, als sie selbst nachzuerleben vermögen. Sie sind so farblos wie ihre Geschmacksbegriffe, trotzdem sie in verzeihlichem Selbstbetrug sich für wichtiger halten, als sie sind. Sie haben keine Weltanschauung.

Wenn der Romane trotz seines Temperaments doch noch die eigentlichen Formen des Genusses amerikanischer Tabake, vor allem die Cigarre beibehalten hat, so liegt das daran, daß seine wenig intensive Ausnutzung dieser Form seinem Temperament keine große Beschränkung auferlegt. Die Zunahme des Lebenstempos in den letzten Jahrzehnten mußte jedoch die jüngeren Europäer notwendig zur Abwendung von der Cigarre überhaupt führen. Die Intensität des Genußverlangens blieb dieselbe, so daß der amerikanische Tabak in Form der Cigarette nur einen sehr unvollkommenen Ersatz gebildet hätte. Es mußte also ein Tabak gefunden werden, der würziger, aromatischer und auch innerlich kräftiger war als die bisherigen amerikanischen Tabake, und bereits in der Form der Cigarette bei kürzerer Brenndauer und kleinerer Brandfläche wirksam werden konnte.

Im Gegensatz zu den Orienttabaken müssen die meisten amerikanischen Tabake außer der Fermentation noch einen Verwandlungsprozeß durch Rösten, Zusatz von Beizen und Laugen aus Zuckerstoffen, Salzen, Färbemitteln, Gewürzen usw. durchmachen. Dadurch konnte man die Geschmackserscheinungen in weitem Maße künstlich variieren. Dies benutzte man besonders bei den Virginia-Tabaken, um diese für die Bedingungen der Cigarettenform brauchbar zu machen, so daß der Name Virginia-Tabak heute bereits fast speziell den typischen englischen Cigarettentabak bezeichnet, trotzdem Virginia-Tabak, der sogenannte »echte« Tabak, die eigentliche Mutterpflanze fast aller edlen Tabaksorten der Welt bedeutet. Der Virginia-Cigarettentabak ist heute typisch für die angelsächsischen Länder, besonders Nordamerika. Eine sehr große Kultur verrät dieses Zwischenprodukt nicht. Es ist im Geschmack ziemlich gehaltlos und vorwiegend durch die künstlichen Zusätze bestimmt, ist aber immerhin der Cigarettenform angepaßt und ermöglicht bei kleinerer Brandfläche und kürzerer Brenndauer einen bis zu einem gewissen Grade abgeschlossenen Geschmacksakkord. Sicher ist die Virginia-Cigarette beinahe bis zur blonden Farbe des Tabaks für die Angelsachsen charakteristisch: sie gehört zu einer etwas sentimentalen Süßigkeit und auf die Dauer zu einer großen Langweiligkeit. Variationsmöglichkeiten sind nicht viel gegeben, da der süße Zuckergeschmack sich immer wieder vordrängt.

Geistig komplizierter organisierten Menschen kann der künstliche Cigarettentabak wenig bieten. Die alte Cigarrenkultur ist im Aussterben. Die Genußintensität der Pflanzer ist in unseren kalten Ländern nicht möglich. Die modernen Menschen beanspruchen Echtheit, Variabilität der Genußstärke, Schnelligkeit der Wirkung und einen Reichtum von Geschmacksakkorden, wie sie keine der bisherigen Arten des Tabakgenusses ermöglichen konnte.


Die Weltanschauung des modernen Europäers des zwanzigsten Jahrhunderts ist nicht mehr wie in vergangenen Jahrhunderten ausschließlich in begrenzten religiösen Vorstellungen begreifbar, sondern in einer philosophischen Fundierung, die den Reichtum aller naturwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Errungenschaften aller Zeiten und Völker einbegreifen will. Das Wissen der Relativität unserer Vorstellungen läßt uns die Vergänglichkeit aller Erscheinungen tiefer empfinden, als es unseren Vorfahren möglich war. Heute suchen wir das Absolute nicht mehr in real empfundenen Bildvorstellungen, sondern in den Beziehungen der Dinge zueinander, im Kontrast, im Akkord und in der ewigen Ausgleichssehnsucht, die uns als der göttliche Funke lebendig hält. Dadurch gewinnen wir Kontakt mit der Philosophie des Ostens, und analog dieser Annäherung in den Grundanschauungen eroberte sich der Orienttabak mit seiner wundervollen reichen Geschmackskultur die Gegenwart des jungen Europa.