Der Orienttabak ist im Laufe der Zeit von dem Bild des Türken untrennbar geworden, dem er seine einzigartige Kultur verdankt, und dessen Anschauungen er in vollkommenster Weise widerspiegelt.


Die Türken sind uns jungen Europäern gegenüber ein altes Volk, dessen Stileinheit und Anschauungsreife dementsprechend allen modernen Kulturerscheinungen Europas außerordentlich überlegen ist. Die Gewandtheit im Verkehr, die Feinheit der Sitte, die Lebensweisheit und Geschmackskultivierung in äußerlichen Dingen hat manchem ernsthaft und objektiv beobachtenden Europäer Bewunderung und auch Beschämung über den eigenen so unbegründeten Hochmut abgenötigt. Der Türke hat das Erbe von Jahrtausenden uralter Kulturländer angetreten, ihre Entwicklungskraft mag erloschen sein, aber sie verwalten ihr geistiges Erbe gut.

Die Lebensanschauungen des feingebildeten Türken haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dem schon geschilderten holländischen Raucher. Es verbindet beide eine gewisse bedächtige Gründlichkeit in ihrem Lebensgenuß mit allen sich daraus ergebenden Folgerungen bezüglich der Charakterisierung; aber der Türke ist abgeklärter und noch weit mehr Philosoph als sein holländisches Gegenstück, er ist vor allem differenzierter, feingeistiger, raffinierter und weniger saturiert. Es ist dies der Unterschied zwischen Cigarette und Cigarre, zwischen dem Orienttabak und dem amerikanischen Tabak, beide Sorten vertreten durch ihre vollkommensten Genießer.


Es ist nicht anzunehmen, daß die Cigarettenform schon frühzeitig bei den Orientalen bevorzugt wurde. Auch hier wird die Pfeife die größte Rolle gespielt haben. Aber die Variationsmöglichkeiten, die der Orienttabak durch die Mischungsmöglichkeiten fand, ließen den Wechsel zu dieser oder jener Genußform mühelos zu.

Das Bild des vornehmen Türken, fast bewegungslos, mit untergeschlagenen Beinen auf seinen Polstern wie eine indische Buddha-Figur sitzend, mit dem langen Rohr seines Tschibuk oder dem Schlauch seiner Nargileh, seiner Wasserpfeife in den Fingern, umgeben von leichten blauen Rauchwölkchen voll milden Duftes, ist uns das Bild des über alle Lebensunwichtigkeiten erhabenen Philosophen. In kleinen Zeitabständen sieht man den Tabak im Pfeifenkopf aufglühen oder hört das monoton gurgelnde Geräusch der Wasserpfeife, Takte eines Zeitraums wohliger Wunschlosigkeit und restloser Ruhe. Man glaube nicht, daß dies ein primitiver Zustand ist; er ist ungeheuer kompliziert. Es ist eine Überwindung der Mannigfaltigkeit menschlicher Triebe und keine einfache Ablehnung derselben. Es ist nicht die Absonderung des »Nichts erleben wollens«, sondern die Reife des »Alles erlebt habens«, die Generationen unbändigen Lebens ermöglicht haben. Ganz analog ist der Geschmacksakkord, der dieses Nirwana spiegelt. Er ist keine einfache Terz oder Quinte, sondern eine berauschende Musik, die sich aber immer wieder in seltsam volltönenden Harmonien auflöst. Es sind die unbeschreiblichen Geschmacksakkorde der edlen milden Xanthi-Tabake, die in ihren eigenen Abstufungen untereinander gemischt aus sich selbst heraus, aus der Vielheit der Empfindungen, eine mild strahlende Einheit zu ergeben vermögen. Die Müdigkeit, die dem Erlebnis zugrunde liegt, ist uns heute nicht mehr fremd. Es ist doch alles eitel; mit diesem Gedanken verbinden wir von Zeit zu Zeit eine Sehnsucht nach Erlösung, die stärker ist als der Spott der Lebensgierigen, die ja doch auch einmal still und andachtsvoll erkennen werden, was Ewigkeitswerte der Erkenntnis bedeuten. Diese Ruhe des Wissens hat nichts mit Stumpfsinn zu tun, es ist vielmehr die Grundlage einer stillen Heiterkeit und genußvoller Gedankenspielereien. Die mohammedanische Spruchweisheit ist berühmt und verrät eine Kraft in dieser scheinbaren Passivität, die die Sprünge jugendlich begeisterter Welteroberer überleben wird.

Die philosophische Stimmung ist die Grundtendenz des zwanzigsten Jahrhunderts. Die schon allgemeinere Erkenntnis der Relativität, die früher erst der Weisheit des reiferen Alters entsprach, läßt uns heute die Dinge des Lebens anders anschauen, als dies in den vorhergehenden Generationen bei uns der Fall gewesen sein mag. Trotzdem kann sich naturgemäß die heutige Jugend nicht auf die gleiche Temperamentlosigkeit einstellen, die dem geschilderten Bilde zugeschrieben werden muß, aber auf der aufgeklärten Grundstimmung lassen sich alle dem Reichtum der orientalischen Tabake analogen Eigenarten aufbauen, die zusammen das zwanzigste Jahrhundert charakterisieren.

Gegenüber der älteren Zeit sind wir vor allem weitaus differenzierter in unseren Empfindungsgleichnissen geworden; besonders in innerlich individuellen Angelegenheiten. Die scharfen äußerlichen Reize, die auch die beste Cigarre noch von der Cigarette unterscheiden, bedeuten heute kaum noch einen Ausgleich zu gleichartig äußerlichen Erregungen. Die Probleme sind tiefer, und nicht ohne Sinn erwacht heute die Wissenschaft der Psyche zu überragender Bedeutung. Die Empfindungsmannigfaltigkeit, die der Cigarette folgt, ist auch eine mehr innerliche; ihr äußerlicher Reiz ist so gering, daß ein richtiger Cigarrenraucher ihr Wesen nicht erkennt. Und doch vermag die innerliche Kraft der Cigarette ein Tempo anzuregen, das niemals von der Cigarre erreicht werden kann.

Von den milden Mischungen der Xanthi-Tabake bis zu den aufregenden Schwarzmeer-Tabaken ist ein Spielraum gegeben, der der immer stärkeren Individualisierung des modernen Europa die Zahl der Graduierungen abläuft. Lassen wir dem Xanthi-Tabak beispielsweise die Tendenz und mischen wir ihn mit edlen Cavalla-Basma-Blättern, so entsteht ein Geschmacksakkord, der bei aller Ruhe einer gewissen geistigen Hellhörigkeit Vorschub leistet. Würzen wir vorzugsweise mit Smyrna-Tabaken, dann erleben wir den Rausch süßer Sinnlichkeit. Die Samsoun-Tabake sind kriegerisch wie Janitscharenmusik, und manche Russen-Tabake begleiten das verzehrende Feuer genialischer Nervosität. Nun sind die meisten Menschen keine scharf umreißbaren Typen; es lebt in jedem von uns mehr oder weniger Himmel und Hölle, innerhalb des Grundcharakters unserer Zeit, und deshalb werden die modernen Cigaretten nicht so einseitig wie bei den Türken gemischt und gewürzt, sondern alle zur Verfügung stehenden Provenienzen werden mehr oder weniger zu wechselnden Mischungen hinzugezogen, um dem komplizierten Menschen unserer Zeit ein analoges Genußmittel zu verschaffen.