Es mag die allgemeine Unkenntnis über die Cigarette mit ihrer verhältnismäßig kurzen Verbreitungszeit begründet werden können; aber die eigentliche Ursache wird darin zu suchen sein, daß sich die Cigarettenraucher noch kaum darüber klar sind, wie außerordentlich mannigfaltig Orienttabake sind, und wie weit ihre Verarbeitung und Mischung an Kompliziertheit und Schwierigkeit alles übertrifft, was bisher bei der Fabrikation von Genußmitteln in Betracht kam. Noch heute kann man häufig die Meinung vertreten finden, daß der Inhalt einer Papierhülse ziemlich gleichgültig ist, wenn nur überhaupt ein echter Tabak verwendet wurde. Nach dem Kriege nahm man auf Grund der Zwangswirtschaftserfahrungen sogar allgemein an, daß es wirklich reine Orientcigaretten kaum gibt, und daß selbst eine wesentliche Untermischung mit deutschen Tabaken und Surrogaten geschmacklich kaum feststellbar ist.

In Wirklichkeit sind die heutigen Raucher weitaus verwöhnter, als sie selbst wissen. Wenn es manchem Unternehmer vor dem Kriege gelingen konnte, mit gestreckten und gefälschten Orienttabaken auch auf dem freien Markt noch Abnehmer in genügender Anzahl zu finden, so dürfte dies heute, sogar unter dem Zwang der hohen Preise für importierte Tabake kaum mehr möglich sein, ohne daß er die größten Gefahren für die Weiterentwicklung seines Unternehmens heraufbeschwört. Das durch die Kriegserfahrungen geschärfte Mißtrauen gegen Ersatzgenußmittel hat für heute eine Qualitätsforderung gebracht, an die vor dem Kriege niemand denken konnte, und die vor allen Dingen auch den Rauchern selbst gar nicht zum Bewußtsein kam.

Der Krieg und die Nachkriegsjahre, die ja in vieler Hinsicht an Stelle langsamer Entwicklung einen raschen Umschwung gebracht haben, haben gezeigt, wie sehr die Cigarette dem Bedürfnis unserer Generation entspricht. Bis gar nicht so lange Zeit vor dem Kriege war die Cigarette eigentlich eine nur wenig anerkannte Nebenerscheinung der Cigarre. In der Meinung kultivierter Raucherkreise blieb sie bis zu einem gewissen Grade das unkultivierte Requisit von unreifen Jünglingen und zweifelhaften Existenzen, die ohne Geschmacksverfeinerung und wirkliche Genußfähigkeit ein gleichgültiges Fabrikat in einer überflüssig eleganten Form verbrauchten. Wie mancher Vater hat damals seinem herangewachsenen Sohne das Rauchen unter der Bedingung gestattet, daß er bei einer vernünftigen ordentlichen Cigarre bliebe und nicht der Geschmacklosigkeit der überdies weitaus schädlicheren Cigarette anheimfiele.

Die Cigarette wurde gegenüber der Cigarre lange Zeit geringschätzig beurteilt. Als besonderes Abschreckungsmittel wurde die schädliche Wirkung des verbrannten Papiers und weiterhin die Zweifelhaftigkeit des Inhalts betont, zu dem ein richtiger Cigarrenraucher ja tatsächlich keine Stellung finden konnte. Das alles aber hat das rasche Anwachsen der Bedeutung von Cigaretten nicht aufhalten können, und heute wird ihr Antagonist, die Cigarre, sowohl in der Zahl der Anhänger wie in wirtschaftlicher Hinsicht durch die Cigarette weit übertroffen.

Wenn die Wandlungen menschlicher Genußbedürftigkeit im Laufe der Zeiten auch kaum einer aburteilenden Kritik unterworfen werden können, so ist der Rückgang der Cigarre gegenüber der Cigarette doch sehr zu bedauern. Denn mit der Cigarre wandert wieder einmal ein Bild alter und feiner Lebenskultur in die Vergangenheit. Eine wirkliche Raucherkultur wird heute noch sehr selten mit der Cigarette verbunden; ihr Dasein ist hierzu noch zu jung. Aber es wäre sehr wünschenswert, wenn die Cigrettenraucher etwas von der alten Cigarrenraucherkultur lernen könnten und auf dieser Tradition eine wirkliche Cigarettenkultur aufbauen würden. Es ist deshalb wünschenswert, weil sich mit der Kultur solcher Lebensgewohnheiten regelmäßig auch eine Kultivierung der Lebensformen überhaupt gleichzeitig zu entwickeln pflegt, und weil außerdem mit einer Kultur der Genußmittel der für die Volksgesundheit beste harmonische Ausgleich der Kontraste des menschlichen Lebens erreicht wird.

Man könnte auch sagen, daß eine Kultur der Genußmittel die Schädlichkeit derselben auf ein Mindestmaß beschränkt, aber man würde damit eine unrichtige Beurteilungseinstellung gegenüber den narkotischen Genußmitteln im allgemeinen und gegenüber der Cigarette im besondern einnehmen. Wohl scheinen die Meinungskämpfe für und gegen irgendwelche Genußmittel und damit die Betonung oder Ableugnung der Schädlichkeit von Alkohol, Tabak, Kaffee usw. kein Ende nehmen zu wollen, aber der Einsichtige weiß, daß mit der einfachen Schädlichkeitsfeststellung für den menschlichen Organismus noch keine Entscheidungsbasis für solche Streitigkeiten gewonnen sein kann. Wir wissen heute, daß der Mensch ein Mittelpunkt für Kraftansammlung und Kraftverbrauch, für Kräfte und Gegenkräfte, Gifte und Gegengifte, körperlich fördernde und körperlich schädigende Einflüsse ist. Die eine Seite ist nicht ohne die andere Seite denkbar. Ein Körper, an den geringe Kräftebeanspruchungen gestellt werden, wird wenig Kräfte sammeln können. Worauf es ankommt, ist nur das Gleichgewicht, und was vermieden werden muß, ist nur ein Gleichgewicht zerstörendes Übermaß auf der einen wie auf der anderen Seite.

Außerdem ergibt das menschliche Leben so viele und vor allem so starke Beanspruchungen des Nervensystems, daß die angenommene Schädlichkeit des Tabakgenusses dagegen nur gering erscheint.

Wenn noch dazu der Nachweis erbracht wird, daß nervöse Spannungen des Menschen durch den Tabakgenuß eine beruhigend-harmonische Auflösung erfahren können, so bedeutet dies die Anerkennung eines positiven Wertes des Tabaks. Solche nervöse Spannungen lassen sich keineswegs im Leben vermeiden, wie es die Naturapostel verlangen, und solange dies der Fall ist, wird das Bedürfnis nach einem Ausgleich immer wieder Genußmittel suchen, die einseitig starke geistige Leistungen kompensieren können. Es ist charakteristisch, daß einerseits die Gesundheitsfanatiker extremer »Anti«-Bestrebungen meist selbst körperlich und geistig nicht sehr kräftig sind, und daß es andererseits niemandem gelungen ist, den Nachweis zu erbringen, daß durch ängstliches Vermeiden größerer Kräfteanspannungen des Gehirns und des Körpers das Leben verlängert werden kann. Selbstverständlich müssen Kräftebeanspruchungen der jeweiligen Leistungsfähigkeit des Menschen entsprechen. Bei solchen Streitfragen sind Meinungen eigentlich immer Ergebnisse ganz persönlicher Erfahrungen und Empfindungen. Das einzige objektive Vorbild, das die Forderung eines »naturgemäßen« Lebens vorweisen kann, ergibt das Tier, denn es gibt keine auch noch so primitiven Menschenrassen, die für Enthaltsamkeit nachweislich als Vorbild Geltung behaupten können. Wir wissen aber, daß der Mensch im Gegensatz zum Tier geistigen Anforderungen genügen muß, die in gar keinem Verhältnis mehr zum Körper stehen. Schon die einfachen Nervenbeanspruchungen des täglichen geistigen Lebens sind im eigentlichen Sinne der Naturapostel derartig ungesund, daß jeder Vergleich mit Lebewesen, die nur ihrer Gesundheit und natürlich also nur der körperlichen Selbsterhaltung und Fortpflanzung leben, hoffnungslos ist. Die vielleicht Überzüchtung zu nennende Entwicklung des menschlichen Geistes bedingt dann eben Mittel, die einen Ausgleich schaffen, und es ist sinnlos, gegen diese Mittel zu Felde zu ziehen, oder sie auch nur als überflüssigen Luxus zu betrachten, solange die Ursachen nicht beseitigt werden können, die sie veranlaßt und erzwungen haben.

Der Mensch braucht Schuhwerk, da er im allgemeinen für den Spezialsport des Barfußlaufens kein Interesse mehr aufbringt. Er braucht Kleidung, da sein Körper allein den Witterungseinflüssen nicht mehr standhalten kann. Und so braucht er auch Genußmittel, da der Körper des Menschen nicht mehr in der Lage ist, den übersteigerten Anforderungen geistigen Lebens den erforderlichen Ausgleich zu geben.

Die heilsame Wirkung des Tabakgenusses ist nicht mit Heilmitteln zu vergleichen, die das Wandeln und Vergehen des Menschen nach der Meinung Lebensunkundiger aufhalten sollen, aber sie ist segensreich durch die Anregung oder die Beruhigung, die sie im Ausgleich widerstrebender Spannungen zu geben vermag.