Die weitaus meisten Raucher werden den Genuß von Tabak als Ausgleichsmittel auch fast immer irgendwie körperlich empfinden können. Wer im Felde gewesen ist und dort nach den ungeheuren Nervenbeanspruchungen die Gier nach dem Tabak kennengelernt hat, wer im heutigen Erwerbsleben steht und sich weder innerlich noch äußerlich von den aufregenden Verhältnissen unserer Zeit unabhängig machen kann und zum Tabak greift, der weiß, daß dieses manchmal als schädlich verschrieene Kraut eine sehr segensreiche Wirkung besitzt. Die Voraussetzung ist immer wieder die Kultivierung des Genusses und die sich daraus ergebende Einstellung zur Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers mit dem Ergebnis eines tatsächlichen Ausgleichs. Extreme Beanspruchungen, die über die Elastizitätsgrenze des Körpers hinausgehen, haben natürlich relativ schädliche Folgen. Aber selbst dann ist die Schädlichkeit des Tabaks überhaupt nicht mit der Schädlichkeit anderer Genußmittel, die er ersetzen will, zu vergleichen. Die generelle Annahme, daß mit oder ohne Tabak ein Mensch oder ein Volk eine kürzere oder längere Lebenszeit gewinnen kann, ist irrig. Außerdem wird doch wohl nach allgemeinem Empfinden ein Leben nicht nach seiner Länge, sondern nach seiner Intensität bewertet.
So können zu allen Zeiten und bei allen Völkern Mittel nachgewiesen werden, die mit der narkotischen Wirkung des Tabaks vergleichbar sind. Bei vielen primitiven Völkern ist es die Betelnuß, bei anderen das Opium, dessen schädliche Folgen — so groß sie für den Körper eines Europäers auch sein mögen — für den Körper des Asiaten viel geringer sind, als allgemein angenommen wird. An weiteren Mitteln sind Haschisch, Kiff-Kiff und andere pflanzliche Produkte usw. bekannt. In Deutschland und vielen anderen vor allem europäischen Ländern erfüllte die gleiche Aufgabe Jahrhunderte hindurch der Alkohol. Erst nach den Zeiten des Sir Francis Drake trat daneben mehr und mehr der Tabakgenuß in Erscheinung, und es ist auffallend, daß mit der Zunahme und Verfeinerung des Tabakgenusses in den letzten Jahrzehnten gleichlaufend eine Abnahme des Alkoholgenusses nachweisbar ist. Die Bedürfnisse einer Allgemeinheit wandeln sich im Laufe der Zeiten und passen sich dem jeweiligen Entwicklungszustand der Menschen und der Völker immer wieder an. Es scheint, als ob der Tabakgenuß dazu berufen wäre, die Jahrhunderte alte Aufgabe des Alkohols in weitgehendem Maße zu übernehmen. Der mittelalterliche und spätere Verbrauch von Alkohol war geradezu ungeheuer. Wir können uns heute kaum noch eine Vorstellung machen, was die damaligen Menschen vertragen haben. Die bedeutendsten geistigen Träger ihrer Zeit wie beispielsweise Luther, Goethe, Bismarck und viele, viele andere waren frohe Zecher und genossen die Ausgleichswirkung dieses geistigen Genußmittels mit einer Lebhaftigkeit, die in unserer augenblicklichen Zeit Befremden erregen würde. Das Zeichen unserer Zeit sind zahllose Antialkoholbewegungen und ein tatsächlich außerordentliches Nachlassen des Konsums. Dem Kenner menschlicher Entwicklungserscheinungen gibt beispielsweise das Alkoholverbot in Amerika nicht so sehr den Beweis, daß theoretisch volksgesundheitliche Bestrebungen praktisch in großem Maße durchführbar sind, sondern er erkennt daraus, daß tatsächlich die Zeit des Alkohols langsam vorübergeht, und daß die Möglichkeit eines Verbotes hierfür nur ein Symptom ist. Gerade in den Vereinigten Staaten von Nordamerika hat der Tabakverbrauch in ganz besonderem Maße zugenommen, so daß nur von einer Richtungsänderung der Ausgleichsbedürfnisse gesprochen werden kann. Die Notwendigkeit eines Ausgleiches zeigte sich sehr deutlich, als graue Theoretiker der Volksgesundheit auch noch ein Nikotinverbot als Gesetz durchsetzen wollten, und ein alter Senator die Debatte in Washington mit den Worten erledigte, daß die Staaten keine Kleinkinderbewahranstalten seien. Noch deutlicher zeigt sich die Verschiebung im Ausgleichsuchen bei den mohammedanischen Völkern, bei denen auf Grund des Alkoholverbotes der Religion die Kultur des Kaffees und des Tabaks eine Höhe gewonnen hat, wie sie nirgends sonst in der Welt erreicht wird. Verbote sind stets völlig zwecklos, wenn die menschliche Natur nicht die zum Verbote nötige Majorität durch eine entsprechende Wandlung ihrer Bedürfnisse zuläßt, oder wenn kein Ersatz für die aufgegebene Genußmöglichkeit vorhanden ist.
In Zusammenfassung der vorher gegebenen Argumente kann mit allgemeiner Gültigkeit behauptet werden, daß Genußmittel mit dem Ziel einer anregenden oder beruhigenden Wirkung auf das Nervensystem und damit auf die menschliche Psyche nicht ausgeschaltet werden können und naturnotwendig sind. Volksgesundheitlich können nur diejenigen Genußmittel als schädlich bezeichnet werden, die dem jeweiligen Entwicklungszustand und den sich daraus ergebenden Bedürfnissen des Menschen oder des Volkes nicht entsprechen. Der Kenner der Massenpsyche weiß, daß zwangsweise durchgeführte Verbote, die nicht in einem Instinkt gegenüber den allgemeinen Bedürfnissen, sondern in der Theorie einzelner ihre Ursache haben, die Gefahren von Entladungen der anders nicht gelösten Spannungen zur Folge haben. Es steht weiterhin fest, daß der Tabak für die Gegenwart als Ausgleichsmittel eine so allgemeine Bedeutung hat, daß weder von physischer Schädlichkeit noch von einem volkswirtschaftlich schädlichen Luxus gesprochen werden kann. Es scheint weiterhin, daß von den verschiedenen Formen des Tabakgenusses die Cigarette die bevorzugte Form des zwanzigsten Jahrhunderts ist.
Da für die Wertung der Tabakfabrikate das einfache Bedürfnis für den einzelnen Menschen unmittelbar vorausgesetzt werden muß, ist es selbstverständlich nicht zu verteidigen, wenn jemand auch ohne ein irgendwie unbestimmtes Bedürfnis zur Cigarette greift, da dann weder Genußmöglichkeit noch der Ausgleichwert des Tabaks gefolgert werden kann. Es ist unverantwortlich, dem Nachahmungstrieb, der Eitelkeit usw. nachzugeben und beispielsweise heranwachsenden Kindern das Rauchen schon zu einer Zeit zu gestatten, zu der ein wirkliches Ausgleichsbedürfnis noch nicht denkbar ist. Erst durch das Bedürfnis wird erwiesen, daß ein Genußmittel dem Organismus entspricht, wobei natürlich krankhafte Übersteigerungen des Genußtriebes ausgenommen werden müssen.
Aber selbst für Exzesse krankhaft übersteigerter Genußtriebe ist der Tabak im allgemeinen viel zu harmlos; man vergleiche nur die manchmal verheerenden Wirkungen von Alkohol, Opiaten usw. gegenüber der großen Seltenheit von gesundheitlichen Schädigungen durch übertriebenen Tabakgenuß. Auch bei solchen seltenen Beispielen wird man meistens nicht in dem starken Tabakgenuß die wirkliche Ursache der gesundheitlichen Schädigungen suchen müssen, sondern in den jeweiligen Umständen, die ihrerseits erst den Tabakgenuß zur Folge haben. Es dürfte vielleicht sogar der interessante Nachweis erbracht werden können, daß die anscheinend gesündesten Speisen durch übertriebenen Genuß praktisch einen größeren Prozentsatz an gesundheitlichen Schädigungen in der Menschheit ergeben, als der — selbstverständlich stets zu vermeidende — übergroße Tabakgenuß.
Die Menschheit verliert langsam ihre Robustheit; ihre altersunterschiedlichen Gruppen, Völker und Rassen drängen langsam nach Verfeinerung, und mit der wachsenden Differenzierung des einzelnen Menschen geht eine steigende Verfeinerung und Differenzierung der Genußmittel parallel. Das Nachlassen des Bierkonsums, die zunehmende Verfeinerung auch in alkoholischen Getränken, die vielfache Aufgabe des Alkohols als tägliches Getränk beispielsweise zugunsten des weitaus kultivierteren Tees, das Anwachsen der Schokoladen- und Konfiturenindustrie usw. veranschaulichen den natürlichen Entwicklungsvorgang, wenn auch vielleicht nur der Tee mit der außerordentlichen Genußdifferenzierung verglichen werden kann, die der Cigarette die Zukunft sichert.
Die Verfeinerung des Geschmacksempfindens, die in Deutschland seit dem Kriege registriert werden kann, scheint eine Kultivierung der Cigarette gewährleisten zu können, die eine segensreiche Bedeutung dieses Genußmittels für das 20. Jahrhundert erhoffen läßt. In den außerdeutschen Ländern sind die Verhältnisse etwas anders. Heute steht Deutschland von den größeren Völkern bezüglich der Qualitätsforderungen an der Spitze, wenn auch diesen Forderungen vorläufig noch infolge mangelnder Kaufkraft der Konsumenten nur von wenigen qualitätsstolzen Fabriken in einem wirklich ausreichenden Maße entsprochen werden kann.
Die Cigarette ist in Deutschland noch nicht seit sehr lange bekannt, und erst in den letzten zwei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts gewann sie für Deutschland eine stetig anwachsende Bedeutung. Da wir die Cigarette in ihrer heutigen Form aus dem Osten bekommen haben, nennen wir sie zum Unterschied zu später in Deutschland bekannt gewordenen Abarten »Orientcigarette«. Wir bezeichnen mit diesem Namen eine ganz bestimmte Art von in Papier gehüllten Tabakfabrikaten, deren Herkunftsländer für uns im Orient liegen. In Wirklichkeit ist die Kenntnis des Tabaks und der Cigarettenform auch nach dem Orient erst vor wenigen Jahrhunderten gelangt. Sie stammt aus Amerika, wo bereits Columbus Cigaretten in Form von maisblattumwickelten Tabaken gesehen hat. Als die Kenntnis des Tabaks nach dem Orient kam, wurde dieses Genußmittel mit einer erstaunlichen Sicherheit den Bedürfnissen des Landes angepaßt. Es entwickelte sich im Orient eine Kultur des Tabakanbaus, die sehr bald an Differenzierung die Erzeugnisse der amerikanischen Ursprungsländer weit übertraf. Mag auch der orientalische Tabak ursprünglich vorzugsweise in Pfeifen unterschiedlicher Art geraucht worden sein, so wurde auch die Gewohnheit, den Tabak in Papierhüllen zu fassen, übernommen, und damit entstand im Orient zugleich eine Kultur der Cigarette, die so groß wurde, daß für uns der eigentliche Cigarettenbegriff mit dem der Orientcigarette völlig identisch wurde. Wenn der deutsche Raucher amerikanische Tabake zu Cigaretten verarbeitet findet, so pflegt er diese als minderwertig abzulehnen und den Inhalt der Papierhülse mit »schwarzem« Tabak zu bezeichnen. Eine Cigarette mit schwarzem Tabak erscheint dem deutschen Raucher nicht als eine richtige Cigarette. Wenn dies geschichtlich auch nicht zu vertreten ist, so wird es eben dadurch verständlich, daß die uns bekannte Orientcigarette an Verfeinerung und Veredlung des Genusses den Tabaken der Neuen Welt so außerordentlich überlegen ist, daß ein Wettbewerb beider Tabakarten wenigstens in der Form einer Cigarette in Deutschland ausgeschlossen erscheint.
Die Tabake, die der Cigarettenraucher als schwarze Tabake bezeichnet, sind uns unter der Vorstellung von Cigarren- oder Pfeifentabaken geläufiger. In den außerdeutschen Ländern ist diese Einstellung den Tabaken gegenüber nicht allgemein. Beispielsweise werden in Frankreich, Spanien, Belgien, Argentinien und anderen stark romanisch gefärbten Ländern die sogenannten schwarzen Tabake den Orienttabaken vorgezogen. Es mag dies teilweise durch die Wirtschaftspolitik der Länder, wie z. B. Frankreich, wo für die Regiecigarette ein hoher Prozentsatz französischer Tabake verarbeitet wird, begründet werden können. Aber in anderen Ländern wieder neigt das Bedürfnis der Raucher so offensichtlich zu dem einfacheren und herberen Genuß der sogenannten schwarzen Tabake, daß von ganz individuellen Bedürfnissen verschiedener Rassen gesprochen werden kann.