In erster Linie hängt der Charakter einer Cigarette von der Art der verwendeten Tabake ab. Aber mindestens ebenso wesentlich sind die Mischungsprobleme. Es ist heute noch wenig bekannt, daß auch der denkbar edelste Tabak (und zwar je edler, desto weniger) allein verarbeitet nicht rauchbar ist. Erst durch Mischung verschiedener Tabake nach bestimmten Gesichtspunkten entsteht das Tabakmaterial für eine Cigarette. Die Regeln und Rezepte für Mischungen sind sehr komplizierter und variabler Art, da jeder Tabak, der verwendet wird, seinen besonderen Eigenarten entsprechend gemischt werden muß. Es werden immer wieder neue Variationen erfunden, denen zahllose Experimente vorhergehen. Die Mischungsgeheimnisse d. h. wertvolle Mischungsrezepte sind ein sehr wesentliches Besitztum eines Fabrikanten.
Die Begründung der Unrauchbarkeit einzelner Tabaksorten für sich allein ist darin zu suchen, daß jeder Tabak von Charakter geschmacklich zu einseitig ist und seinen Charakter übermäßig aufdringlich zur Geltung bringt. Die Absicht des Mischers ist es nun, diejenigen Tabake gegeneinander abzuwägen, die sich gegenseitig ausgleichen und dadurch ihre jeweilige Geschmackseinseitigkeit verlieren, um dieses oder jenes feine Aroma oder diesen oder jenen feinen Geschmacksakkord den jeweiligen Anforderungen gemäß mehr oder weniger unaufdringlich auswirken zu lassen. Die Mischungsforderung ist ähnlich wie bei weitaus den meisten Speisen, die für sich genossen schal und leer schmecken würden und ihren Wert eigentlich erst durch entsprechende Gewürze wie Salz usw. offenbaren. Die Gewürze selbst wiederum können nicht allein genossen werden. Erst der fein abgewogene Zusammenklang und Ausgleich verschiedener Eigenarten ergibt die Genußmöglichkeit.
Deshalb unterscheidet man genau so wie bei vielen anderen gastronomischen Materialien Tabake, die als Gewürze verwendet werden und daher Würztabake genannt werden können, und Tabake, die eine möglichst ruhige Basis ergeben, und auf denen sich die Mischungen von Würztabaken frei entwickeln können. Da es sich bei Tabaken nicht um Nahrungsmittel, sondern Genußmittel handelt, sind natürlich die Würztabake die wichtigsten und wertvollsten. Die zur Basis verwendeten Tabake kann man als Fülltabake bezeichnen. Es sind dies vorzugsweise Tabake sehr ruhiger und unaufdringlicher Geschmacksarten, die auf Grund der Bezeichnung durchaus nicht mit Tabaken verwechselt werden dürfen, die man zu Zeiten der Zwangswirtschaft als Füllsel für Cigarettenhülsen unter teilweiser Beimischung echter Orienttabake verwendete. Wenn die Fülltabake auch durch den Wert der edelsten Würztabake übertroffen werden, so liegt doch gerade in der Auswahl, Verwertung und Dosierung von Fülltabaken der Kern des ganzen Mischungsproblems. Durch weitgehende Kenntnis, welche Fülltabake und Fülltabakmischungen diesen oder jenen Würztabaken oder Würztabakmischungen die harmonisch ausgleichende Basis geben können, kann ein Fabrikant allen mit ihm im Wettbewerb stehenden Unternehmungen qualitativ den Rang ablaufen. Die Geheimnisse der Fülltabake werden als persönlichste Erfahrungen ängstlich gehütet. Die Schwierigkeiten der Auswertung bestehen aber gerade darin, daß man jeweils nur unter den auf dem Markt zur Verfügung stehenden Tabaken die Auswahl hat und immer wieder neue Rezepte aufstellen muß, da gleichartig geratene Sorten nur selten wieder aufzutreiben sind. Eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Würztabaken und Fülltabaken steht für den Tabakmarkt nicht fest, da in dieser oder jener Mischung dieser oder jener Fülltabak auch als Würztabak dienen kann. Weiterhin gibt es auch sehr wertvolle Sorten, die eigentlich als Würztabake bezeichnet werden können, aber einen Geschmacksausgleich bereits untereinander finden, ohne daß ein gegensätzlicher Fülltabak benötigt wird.
Die Bauern der Ursprungsländer des Tabaks sind nicht so empfindlich gegen starke und sehr herbe Cigaretten wie die Europäer. Der türkische Bauer kann Mischungen rauchen, die nach unserem Empfinden sehr einseitig gewürzt sind. Aber trotz der gewissen Einseitigkeit der Mischungen für die Einwohner der Tabakländer, die sich aus der bevorzugten oder ausschließlichen Verwendung der örtlich vorhandenen Tabake ergibt, sind die dort verwendeten Rauchtabake doch immer wieder Mischungen, in denen ein Ausgleich wenigstens bis zu einem gewissen Grade gesucht wird.
Die Mischungsprobleme sind ganz außerordentlich diffizil und setzen eine Geschmackskritik voraus, die Nichtfachleuten geradezu märchenhaft erscheinen muß. Es gibt Orientalen, die beim Rauchen einer Cigarette sofort die zehn oder zwanzig maßgebenden Würztabake aufzählen, die in einer Mischung enthalten sind. Infolgedessen werden auch in den europäischen Fabriken von Rang die Mischungen fast ausschließlich von Orientalen ausgeführt oder zumindest angeregt. Es ist sehr eigenartig und charakteristisch, daß solche Mischer immer wieder die Tabaksorten ihrer engeren Heimat besonders vorziehen und in diesen Sorten allein genügend Differenzmaterial für Mischungen finden zu können glauben. Im allgemeinen werden jedoch zu Mischungen für Europäer so ziemlich alle Gebiete herangezogen, die als Ursprungsländer edler Tabake in Betracht kommen, um damit Differenzierungen zu schaffen, die den vielseitigen Anforderungen entsprechen können.
Die Mischungsaufgaben ergeben sich aus den jeweils zur Verfügung stehenden Provenienzen, denn die Eigenarten verschiedener Tabake, denen entsprochen werden muß, sind unbegrenzt variabel. Für diese Geschmackseigenarten ist in erster Linie die Pflanzenart bestimmend. Dazu kommt die Bodenbeschaffenheit und die Lage der Anbaugebiete mit ihren jeweils eigentümlichen klimatischen Verhältnissen. Weiterhin spielt die Höhenlage und die Sonnenlage eine so große Rolle, daß schon geringe Höhenunterschiede angebauter Flächen und kleine Abweichungen in der Lage dieser Flächen zur Himmelsrichtung auch bei sonst gleichartigen Voraussetzungen deutlich bemerkbar werden. Selbstverständlich ist außerdem jeder Jahrgang, jede Ernte unterschiedlich, denn die verschiedene Zahl der Sonnentage, der Niederschläge, der Temperaturen usw. in verschiedenen Jahren ergibt sehr verschiedene Tabake.
Man kann also, abgesehen von öfteren weitgehenden Ähnlichkeiten verschiedener Tabakpartien, behaupten, daß genau ein und derselbe Tabak nie zweimal auf dem Markt erscheint.
Liegen die benötigten Tabake nach Einkauf, Verzollung usw. in den zur Fabrik gehörigen Lagerräumen zur Verfügung, und liegen die obig besprochenen Mischungsrezepte für die jeweils vorhandenen und zur Verarbeitung gelangenden Provenienzen fest, so ist der weitere Fabrikationsvorgang bis zur Cigarette mehr ein Problem der Präzision, der Sauberkeit, Zweckmäßigkeit und kaufmännischen Rentabilität als ein maßgebender Faktor für die Geschmacksqualität der Cigarette.
Da die zur Verfügung stehenden Provenienzen kaum in gleicher Geschmackseigenart nachzubekommen sind, da aber andererseits das Bedürfnis besteht, eine einmal eingeführte Cigarettenmarke von bestimmter Geschmacksrichtung möglichst lange auf dem Markte zu erhalten, werden die für den Geschmack maßgebenden Partien jeweilig in sehr großen Mengen erworben, so daß möglichst auf Jahre hinaus die gleichbleibende Qualität und Geschmackseigenart einer Cigarette gesichert ist. Weiterhin bemüht man sich, möglichst viele verschiedene Tabakarten zu Mischungen zu verwenden, so daß der durch neue Ernten bedingte Ausfall dieses oder jenes Mischungsteiles durch einen möglichst ähnlichen Tabak ergänzt werden kann, ohne daß diese minimalen Differenzen dem Raucher auffallen können, vor allem, wenn der Grundcharakter und die Qualitätsstufe der Cigarettenmarke voll erhalten bleibt.