Dem Professor war fast so zu Mute wie einem Schuljungen, der eine Strafpredigt erhält. Er hätte am liebsten mit einem: „Scheren Sie sich zum Teufel,“ das Zimmer verlassen; aber dem eigenartigen Ausdruck in den dunklen Augen seiner alten Freundin war er nicht gewachsen.

„Jawohl,“ brummte er abermals, mit abgewendetem Gesicht, „natürlich meinte ich es nicht so; nehmen Sie's nicht übel, Fräulein Müller.“

Tante Elisabeth verneigte sich, war aber doch tief gekränkt und stand auf.

„Nun ich Ihnen berichtet habe, was ich weiß, Frau Gontrau,“ nahm sie in spitzem Ton abermals das Wort, „ist's an Ihnen, aus meiner Mitteilung Nutzen zu ziehen. Ich werde mich um die ganze Geschichte nicht mehr kümmern.“

„Einen Augenblick, bitte,“ sagte Ilse. „Was Sie gesehen haben, Elisabeth, ist ganz gewiß nicht passend, aber bevor Irma mir den Zusammenhang erklärt hat, kann ich mir kein Urteil erlauben. Möglich, daß gar nichts dahinter steckt. Die jungen Leute von heutzutage sind anders und freier in ihrem Umgang, als wir in unsrer Jugend — das dürfen wir nicht vergessen.“

Fräulein Müller ließ ein spöttisches Lachen hören.

„Ich muß Sie freundlichst ersuchen,“ fuhr Ilse fort, „über diese Geschichte zu niemand, wer es auch sei, ein Wort zu verlieren, auch nicht zu unsren Amerikanern.“

„Ganz wie Sie wünschen, Frau Gontrau.“

„Ich erbitte mir das als eine große Gunst von Ihnen und baue fest auf Ihre Verschwiegenheit.“

Großmutter Ilse streckte Tante Elisabeth die Hand entgegen, und diese las auf dem schönen, alten Gesicht eine so ängstlich flehende Bitte, daß sie, wider Willen gerührt, versetzte: