Ein paar Augenblicke weidete sich Ilse offenbar an dem unverkennbaren Entsetzen des jungen Mannes, dann aber mußte sie unwillkürlich anerkennen, daß die elegante, geschmeidige Gestalt vor ihr, das schöne übermütige Antlitz mit den blitzenden Augen und den feinen Zügen wohl etwas besonders Anziehendes für ein junges Mädchen haben müsse. Als liebende und etwas schwache Großmutter war sie nur zu geneigt, Irmas Betragen nicht verzeihlich, aber doch begreiflich zu finden.

Ottos Verlegenheit hielt nur einen Moment an, er sah sofort ein, daß etwas nicht in Ordnung war. Zuerst schaute er Frau Gontrau mit einem Blick an, als erkenne er sie nicht sogleich; dann, als ob sein Gedächtnis ihm zu Hilfe käme, verbeugte er sich und wollte mit ehrfurchtsvollem Gruß vorübergehen. Doch Ilses Blick zwang ihn stehen zu bleiben.

„Herr Baron, ich möchte eine kleine Unterredung mit Ihnen haben,“ begann sie.

„Das wird mir eine große Ehre sein, gnädige Frau. Bin ich so glücklich, Ihnen einen Dienst erweisen zu können?“

Er tat vollkommen unbefangen, was Ilse reizte.

„Sie brauchen mir gegenüber keine Komödie zu spielen, junger Mann,“ herrschte sie ihn an. „Sie wissen sehr gut, weshalb ich hier bin.“

„In der Tat, gnädige Frau, ich bedaure ...“

„Mit solchen Ausflüchten verschlechtern Sie nur die Sache,“ fuhr Ilse, deren Augen vor Zorn funkelten, fort. „Ich würde besser von Ihnen denken, wenn Sie mir offen und ehrlich sagten, mit welchen Absichten Sie sich meiner Enkelin zu nahen wagten.“

„Ich hatte Fräulein Irma ersucht, vorläufig noch Schweigen über unser Verhältnis zu bewahren,“ entgegnete Otto, noch sehr höflich, obwohl im Innern wütend auf Irma, weil sie seiner Meinung nach doch nicht den Mund gehalten hatte.