„Und sie war unverständig genug, sich an dies Versprechen gebunden zu halten,“ erwiderte Ilse. Dann erzählte sie ihm in wenig Worten, wie das Geheimnis an den Tag gekommen war.

Hochstein biß sich auf die Lippen. Er verzieh es Irma nicht, daß sie alles gestanden hatte; in der ersten Entrüstung hielt er sie sogar für fähig, die ganze Geschichte erfunden zu haben, weil sie nicht länger zu schweigen vermochte; aber als er Ilse ins Gesicht schaute, sah er sofort ein, daß sie die Wahrheit gesprochen hatte. Es erschien ihm also klüger, einen demütigeren Ton anzuschlagen.

„Wenn Irma Ihnen alles mitgeteilt hat, gnädige Frau, dann werden Sie wohl auch vollkommen begreifen, warum ich die Sache — zu meinem Leidwesen — vorläufig noch geheim halten muß.“

„Nein, Herr Baron, das begreife ich nicht. Ich begreife durchaus nicht, wie ein feingebildeter Mann ein junges, unerfahrenes Mädchen zu überreden suchen kann, ihre Familie zu hintergehen und ihren guten Namen aufs Spiel zu setzen. Irma ist ein Kind, das nicht weiß, was es tut; ich segne den Zufall, der mich von dem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt hat. Nach dem, was ich von Ihnen gehört und gesehen habe, will ich noch nicht urteilen, aber ich verlange, daß Sie, wenn Sie es ehrlich und gut mit dem Mädchen meinen, das Ihnen seine Liebe geschenkt hat, noch heute Ihren Eltern von Ihren Absichten Mitteilung machen.“

„Es tut mir leid, gnädige Frau, aber das kann ich nicht, und ich habe Irma auch die Gründe auseinandergesetzt.“

„Ja, und sie war damit zufrieden; ich aber bin es nicht. Hören Sie, Herr von Hochstein, wenn Sie meine Enkelin wirklich lieben, dann durften Sie sie nicht bloßstellen, sondern mußten erst mit Ihren Eltern sprechen, um ihr eine etwaige Enttäuschung zu ersparen.“

„Ich habe ihr stets gesagt, daß ich nach bestandenem Examen mich bemühen will, die Einwilligung meiner Eltern zu erhalten.“

„Sehr schön, bis dahin darf aber dann zwischen Ihnen und Irma nicht das geringste Einverständnis mehr bestehen. Ihre Eltern mögen stolz sein; wir sind es nicht minder und — mit gleichem Recht.“

„So wollen Sie der Sache mit Gewalt ein Ende machen und uns unerbittlich auseinanderreißen, gnädige Frau?“

„Durchaus nicht. An dem Tage, an dem Ihr Herr Vater mich ehrerbietig um die Hand meiner Enkelin ersucht, will ich um Irmas willen bei meinem Schwiegersohn, dem berühmten Künstler, ein gutes Wort für Sie einlegen. Ich glaube nämlich nicht, daß Irmas Eltern von ihrer Wahl sehr eingenommen sein werden.“