Onkel Heinz wurde nicht böse.

„Dann ist's ja gut,“ sagte er ruhig, „denk' nur an das Märchen vom Schweinehirten, Kind.“

Tränen der Entrüstung und Wut in den Augen, wandte Irma sich ab. —

Das Fest war zu Ende, und die Wagen fuhren vor. Beim Abschiednehmen kam Flora von Holten auf den Einfall, daß es himmlisch sein müsse, nach Hause zu gehen. Es war Vollmond und die Luft so lind, daß es als wahre Erquickung erschien, nach der Hitze und dem Trubel des Festmahls eine Viertelstunde in der erfrischenden Nachtluft zu verbringen. Der Vorschlag der jungen Frau fand allgemeinen Beifall bei der Jugend. Der Weg führte durch den Park, der die Stadt mit dem Villenviertel, wo Onkel Heinz wohnte, verband, und bot daher für die Goldleder- und Lackschuhe der jungen Damen keine Schwierigkeit. Ilse und die älteren Herrschaften schüttelten über diesen tollen Einfall die Köpfe, aber unter lautem Jubel wurden sie in die Wagen befördert, und das junge Volk machte sich zu Fuß auf den Weg.

Ein schmucker Leutnant, ein Freund Ludwigs, wollte Irma gerade den Arm bieten, als Hans ihm zuvorkam mit den Worten:

„Ich darf Sie wohl nach Hause bringen, Irma.“

Der Ton seiner Stimme glich mehr einem Befehl als einer Bitte. Schon wollte Irma herausfordernd den Kopf in den Nacken werfen, und ohne etwas zu erwidern, den Arm des jungen Offiziers nehmen, als Hans sie ernst und streng anschaute. Ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, fühlte sie unwillkürlich seine Überlegenheit. Sie zürnte sich selbst, daß sie gehorchte, und nahm widerstrebend die Begleitung von Hans an.

Einige Minuten schritten sie schweigend neben einander her. Irma mit vor Erwartung und ein wenig auch vor Schuldbewußtsein klopfendem Herzen, denn sie fühlte heraus, daß nun die Erklärung für sein sonderbares Benehmen kommen werde; Hans mit dem Antrieb kämpfend, sie in seine Arme zu nehmen und ihr liebe zärtliche Worte ins Ohr zu flüstern. Denn sie sah im Mondenschein, mit einem seidenen Shawl um das goldgelockte Köpfchen, so entzückend aus, daß es ihm schwer wurde, ihr die harten, strengen Worte zu sagen, die er sich vorgenommen hatte. Doch der Gedanke, daß er, wenn er jetzt seinem Gefühl nachgäbe, sein ganzes künftiges Glück aufs Spiel setzen würde, stählte ihn. Er überwand alle Weichheit und begann:

„Irma, erinnern Sie sich noch, um was ich Sie bat, als ich das letzte Mal Abschied von Ihnen nahm?“

„Nein,“ versetzte sie, das Köpfchen abwendend.