Das Wohnzimmer diente zum Empfang der Gäste. Riesige Blumengruppen standen in den Ecken, die Türe war ausgehoben und an ihrer Stelle eine Art Ehrenpforte entstanden, unter der Maud und John durchgehen mußten. Aber als das Brautpaar mit seinem Gefolge eingetreten war, als der unglückliche Jüngling am Piano den Hochzeitsmarsch in rasendem Tempo abgespielt hatte, und jeder seiner Bewunderung und Freude über diesen festlichen Empfang Ausdruck gab, blieb es doch nicht ganz verborgen, daß es an der guten Laune des Gastgebers haperte, so sehr er sich auch bemühte, es nicht durchblicken zu lassen. Endlich gestand er, daß er wütend sei, weil Hans an diesem Nachmittag einen dringenden Brief von Hause erhalten habe, der seine schleunige Heimkehr nötig machte; schon am folgenden Tage müsse er abreisen. Ausrufe des Bedauerns, der Verwunderung und Neugier folgten. Blieb Hans denn nicht wenigstens bis zur Hochzeit? War seine Anwesenheit daheim so dringend erforderlich, daß er sie nicht um ein paar Tage verschieben konnte? Was mochte vorgefallen sein?

Freundlich, aber mit großer Entschiedenheit erklärte Reicher, daß sein Entschluß unwiderruflich feststehe; er könne nicht genau auseinandersetzen, warum seine Abreise so dringend nötig sei, denn es wäre kein Thema, das er auf einem Feste erörtern möchte. Die Freude und das Vergnügen dürfe dadurch in keiner Weise gestört werden. Alle schauten einander erstaunt an, wagten aber nicht weiter zu fragen; das Klügste, das fühlte jeder heraus, war, den Gegenstand fallen zu lassen. So taten denn alle ihr Bestes, die Störung vergessen zu machen, und bald ließ die Stimmung, was Fröhlichkeit und Ausgelassenheit betraf, nichts zu wünschen übrig.

Onkel Heinz jedoch konnte es noch immer nicht verwinden, und als das Fest in vollem Gange war, winkte er Irma, führte sie in ein abgelegenes Winkelchen und fragte ohne jede Einleitung ziemlich schroff:

„Nun sollst du mir mal ehrlich beichten, kleine Kröte, welchen Anteil du an Hans' plötzlicher Abreise hast?“

Irma war über diese Neuigkeit ebenso erstaunt gewesen wie die andern und hatte geglaubt, Hans würde zu ihr kommen und ihr sein bitteres Leid klagen, daß seine Pflicht ihn plötzlich abriefe. Nichts von alledem! Es schien, als vermeide der junge Mann, auch nur einen Augenblick mit ihr allein zu sein und vertraulich mit ihr zu reden.

Als sie wie alle andern ihrem Bedauern, daß er fort müsse, Ausdruck gab, hatte er sie einen Moment flüchtig angeschaut und dann lächelnd versichert, solches Interesse sei zu viel Ehre für ihn. Während des ganzen Abends fand sie bei ihm die kühle Höflichkeit und Gleichgültigkeit wieder, die er ihr auf Floras und Gustavs Hochzeitsfest erwiesen hatte, und nichts von der großen Liebe, den ehrerbietigen und doch so auffallenden Huldigungen der letzten Tage. Zuerst war Irma sehr erstaunt — Hans zeigte sich so heiter, so gut aufgelegt, so ruhig und absolut nicht reizbar oder erregt, daß sie diese plötzliche Umwandlung nicht begriff — dann wurde sie wütend. Was bildete er sich denn ein? Wagte auch er es, mit ihr zu spielen? Sie wollte ihn haben, um sich an Hochstein zu rächen; vereitelte er diesen Plan, so sollte er dafür büßen. Sie hätte vor Zorn weinen mögen und durfte sich doch nichts merken lassen, sondern mußte tun, als unterhielte sie sich herrlich. Sie hatte über den einfältigen Hans die Achseln gezuckt, der sich so rasch wieder einfangen ließ, der aufs neue ihr gehorsamer Sklave war, als sie ihn durch ihr gefallsüchtiges Betragen anlockte. Jetzt hätte sie ihn so gern ausgelacht, sich über ihn lustig gemacht, ihn zur Zielscheibe ihres Spottes gewählt, aber sie konnte nicht; es lag etwas in seiner Haltung, seinem Benehmen, was sie hinderte. Suchte sie ihn dennoch aufzuziehen, so ging niemand darauf ein — sie machte sich nur selbst lächerlich und hatte die größte Mühe, ihren Ärger zu unterdrücken.

Kein Wunder, daß sie nun auf Onkel Heinz' Frage auch heftig und böse antwortete:

„Ich habe nichts zu beichten. Ob Hans fortgeht oder bleibt, ist mir vollständig einerlei.“

„Ich glaubte doch ....“ nahm der Professor wieder das Wort, Irma aber, gereizt durch alle Vorfälle der letzten Zeit, fiel ihm mit der ganzen Frechheit eines verzogenen Kindes in die Rede:

„Du brauchst nichts zu glauben, Onkel Heinz. Zwischen dem Bauern und mir gibt's nichts. Ich will gar nichts mit ihm zu schaffen haben.“