„Nicht wahr?“ wiederholte Reicher, „Sie machen sich nichts aus mir?“

Gewaltsam entriß sie sich dem Eindruck seiner Rede. Es ging doch nicht, einem Manne, der es wagte, ihr so den Text zu lesen, der so gegen sie auftrat, etwas anderes als nein zu sagen. Ihre Eitelkeit kam ihr zu Hilfe. Sie entzog ihm heftig ihre Hand.

„Nein,“ versetzte sie, „ganz und gar nichts.“

„Das wußte ich,“ fuhr er traurig fort, „und damit fällen Sie Ihr eigenes Urteil. Wie ich schon sagte, Irma, ich hatte mich darein ergeben, daß Sie nie die Meine werden könnten. Ich bin nicht gewöhnt zu betteln, und werde auch nie um die Liebe eines Weibes flehen. Aber Sie haben mir unsagbar großen Kummer bereitet, und wenn Sie an Ihr eigenes Leid denken, werden Sie das vielleicht verstehen. Wenn Sie mit dem elenden Baron oder mit einem andern verlobt wären, würde ich das besser ertragen haben, als die Erkenntnis, daß Sie eine ganz oberflächliche Kokette sind, die sich und mich, nur um Ihrer nichtswürdigen Eitelkeit willen, unglücklich machen wollte.“

„Sind Sie noch nicht zu Ende?“ rief das Mädchen, vor Zorn und Scham bebend. „In jedem Falle lasse ich mich nicht länger von Ihnen beleidigen.“

„Noch nicht,“ entgegnete Hans und hielt sie mit eisernem Griff fest, als sie sich entfernen wollte. „Ich habe noch etwas zu sagen. In gewisser Hinsicht bin ich ein sehr dummer Kerl, denn trotz alledem liebe ich Sie noch immer, Irma, und werde Sie ewig lieben; dies Gefühl kann ich nicht mit der Wurzel ausreißen, es ist stärker als mein Verstand, aber nicht stärker als mein Wille. Wenn Sie mich jetzt auch auf den Knieen anflehten, Sie zum Weibe zu nehmen, ich würde es nicht tun. Nur wenn Sie je zu der Einsicht gelangen sollten, wie tief Sie mich gekränkt haben; wenn Sie aus eigenem Antrieb zu mir kämen, um mir zu sagen, daß Sie mich über alles lieben und sich kein Glück ohne mich denken können, wäre ich im stande, zu vergessen und zu vergeben, und würde Ihnen die Hand fürs Leben reichen.“

„Da können Sie lange warten!“ rief das junge Mädchen außer sich vor Zorn. „Lieber sterben!“

„Da sei Gott vor!“ nahm Hans ernst das Wort. „Und nun sind Sie gleich zu Hause, Irma, leben Sie wohl. Wir beide haben uns für den Augenblick nichts mehr zu sagen.“

Sie beschleunigten ihre Schritte, um die andern einzuholen. Vor Ilses Wohnung wurde Abschied genommen. Hans reichte Irma die Hand; wider Willen blickte sie ihn noch einmal an, ein tief schmerzlicher Ausdruck lag in seinen Augen, aber die kalten Finger, welche die ihren nur leicht berührten, bebten nicht.