Ohne mit irgend jemand ein Wort zu wechseln, eilte Irma auf ihr Zimmer und warf die Tür heftig ins Schloß. Bald darauf klopfte es.
„Wer ist da?“ rief das Mädchen unwillig. „Ich bin müde und mag mit niemand mehr sprechen.“
„Ich bin es, Kind,“ erklang die Stimme der Großmutter. „Was bedeutet es, daß du dich einschließt? Laß mich herein.“
Irma gehorchte. Mit einem blassen Gesichtchen, aus dem die sonst so sanften, kindlichen Augen unnatürlich groß heraus starrten, stand sie vor der alten Dame, die sie ernst und doch freundlich anschaute. Irma war, als ob sie den Blick nicht ertragen könnte.
„Großmutter,“ sagte sie gepreßt, „hast du Hans erzählt, was zwischen mir und Otto von Hochstein vorgefallen ist?“
„Ja, Irma.“
„Wie konntest du?“ rief das Mädchen, alle Ehrerbietung und den Altersunterschied vergessend. „Wer gab dir das Recht dazu?“
„Meine große Liebe für dich, mein Kind.“
Irma lachte grell auf und warf den Kopf in den Nacken.
„Ja, meine Liebe zu dir,“ wiederholte Ilse sanft, denn wie bitter weh es ihr auch tat, daß die Enkelin so lieblos gegen sie aufzutreten wagte, böse wollte sie mit ihr nicht sein. „Ich habe dich viel zu lieb, um ruhig mit ansehen zu können, daß du etwas tust, was du dein Leben lang bereuen würdest. Ich habe dich gegen dein eigenes Selbst in Schutz genommen — das konnte kein anderer tun.“