„Es ist sehr lieb von Ihnen, mich damit zu trösten, Onkel Heinz, aber Sie kennen die heutige Jugend nicht; sie glaubt immer und in allem recht zu haben.“
„Ja, das weiß ich, Frau Ilse. Ärger jedoch als die Trotzköpfe von früher kann sie auch nicht sein — und die kenne ich durch und durch.“
Frau Gontrau sah ihn verständnisinnig lächelnd an, und der alte Herr fuhr fort:
„Ich verbürge mich für das Kind. Irmas gesunder Verstand wird den Sieg davontragen; sie wird schließlich aus eigenem Antriebe zurückkehren und einsehen, daß sie sich sehr garstig benommen hat. Wer weiß, vielleicht kommt auch zwischen Hans und ihr noch alles in Ordnung! Wir können dabei nichts tun, Frau Gontrau, wir müssen es der Zeit überlassen und in Geduld zuwarten.“
Zunächst schien die Aussicht, daß sich des Professors Hoffnung erfüllen werde, sehr gering zu sein. Reicher, der über Irmas Gesundheit beruhigt war und wußte, daß sie sich in München bei ihren Eltern befand, ließ nichts mehr von sich hören. Das junge Mädchen schrieb zwar pflichtgetreu zweimal wöchentlich, aber ihre Briefe waren so kühl, enthielten außer einem Bericht über die herrlichen Musikaufführungen und die prachtvollen Theatervorstellungen, in denen sie schwelgte, und den interessanten Bekanntschaften, die sie machte, so wenig, daß Ilse sie seufzend fortlegte. Sie antwortete freundlich und herzlich, spielte aber mit keinem Wort darauf an, daß sie sich einsam fühle und sich grenzenlos nach dem Kinde sehne.
Fast Abend für Abend saßen die alte Dame und der Professor beisammen und spielten Schach oder sprachen über die Vergangenheit und erwogen alle Möglichkeiten, die nach Onkel Heinz' Ansicht noch bestanden, daß Irma ihr Unrecht einsehen würde. Nach einiger Zeit fiel ihm ein veränderter Ton in ihren Briefen auf. Sie schrieb herzlicher und beklagte sich ein wenig. Papa und Mama hatten so viel zu tun und gingen oft aus; sie aber war nicht musikalisch genug, um so häufig, manchmal Tag für Tag, morgens, mittags und abends mit Genuß Musik zu hören. Sie fragte voll Anteilnahme nach allerhand Dingen. Wie sah's wohl in ihrem Stübchen aus? Wer pflegte die Blumen? Was machte Jim, ihr Hündchen, das sie nicht mit nach München hatte nehmen können, weil ihre Eltern in möblierten Zimmern zur Miete wohnten? War es nicht traurig jetzt, wo seine Herrin in der Ferne weilte? Onkel Heinz nickte zufrieden, und Ilse mußte sich zwingen, um diese Fragen sachlich und kühl zu beantworten, ohne hinzuzufügen, daß ihr Stübchen, die Pflanzen, das Hündchen und schließlich die Großmama selbst sich unaussprechlich nach ihrem Liebling sehnten.
Endlich eines Tages, als es anfing herbstlich zu werden und in dem nach Norden gelegenen Vorderzimmer schon ein Feuer im Kamin brannte, teils um der größeren Gemütlichkeit willen, teils wegen der Gicht des Professors, kam ein Briefchen, das nichts enthielt als diese Worte:
„Liebe Großmutter!
„Hast du's nicht gemerkt oder wolltest du's nicht merken, daß ich's nicht länger aushalten kann? Willst du all meine Abscheulichkeiten vergeben und vergessen, und darf ich heimkehren, um wieder ganz bei dir zu bleiben? Telegraphiere mir nur das eine Wörtchen ja und sofort reise ich ab.
Deine Enkelin.“
Als Onkel Heinz des Abends kam, war das Telegramm längst abgesandt, und mit freudestrahlenden Augen reichte Ilse ihm das Briefchen. Der alte Herr wischte sorgfältig seine Brillengläser ab und las die wenigen Worte dreimal, bevor er etwas sagte.
„Nun?“ fragte Großmama Ilse ungeduldig.