„Hans, ich bin schon seit Wochen aus München zurück. Ich empfinde solch bittere Reue und sehne mich so nach Ihnen; wollen Sie kommen zu Ihrer Irma.“
„Ausgezeichnet,“ rief die Großmama. „Nun rasch den Umschlag geschlossen und den Brief abgeschickt. Morgen kommt er.“
„Nein, nein, er wird nicht kommen. Es steht nichts von ‚um Verzeihung bitten‘ drin.“
„Dummes Kindchen, das kannst du ja mündlich tun. Flink, hier ist eine Marke, schreibe du unterdessen die Adresse.“ Und schon klingelte Ilse nach dem Mädchen, das den Brief auf die Post bringen sollte.
In der Nacht schlief Irma nicht, und am nächsten Tage war sie so aufgeregt, daß die Großmama sich um sie sorgte. Den einen Augenblick war sie zufrieden mit dem, was sie getan hatte, und erging sich mit der alten Dame in allerhand herrlichen Vorstellungen, wie schön sich ihr Leben an Hans Reichers Seite gestalten würde. Dann wieder war sie unglücklich, zweifelte an seinem Kommen und klagte, daß die Großmama sie zu dieser furchtbaren Demütigung gezwungen habe. Wenn Hans auf ihren Ruf taub bliebe, würde sie das nicht überleben. Je mehr der Tag sich seinem Ende näherte, desto stiller und ängstlicher wurde sie. Sie saß da mit ganz blassem Gesichtchen und starrte mit unnatürlich großen Augen vor sich hin; so oft es klingelte, sprang sie erschreckt auf, so daß Ilse herzliches Mitleid mit ihr fühlte.
Es dunkelte schon, die Vorhänge waren zugezogen und das Gas angezündet, da wurde heftig die Glocke gezogen, und bei der Totenstille im Hause vernahm man deutlich eine tiefe, wohllautende Männerstimme. Zitternd umklammerten Irmas eiskalte Hände den Arm der Großmutter.
Das Mädchen kam herein und meldete Herrn Reicher.
„Lassen Sie den Herrn eintreten,“ sagte Ilse und stand auf.
„Nicht fortgehen, Großmama,“ stammelte Irma mit weißen Lippen, „nicht fortgehen, mir ist so angst.“
Aber Ilse gab ihr einen ermutigenden Kuß und entfernte sich so schnell sie konnte durch die Seitentüre. Gerade als sie verschwand, stand Hans Reicher auf der Schwelle.