Noch nie hatte Irma Maud so nett gefunden, wie in diesem Augenblick. Agnes und Karl freuten sich diebisch. Tante Elisabeth wurde dunkelrot. Am liebsten hätte sie den frechen Kindern die Tür gewiesen, aber bei reiflicher Überlegung hielt sie es doch für besser, so zu tun, als hätte sie den Stich nicht verstanden. Mit sauersüßer Miene sagte sie daher zu ihrem Neffen:
„Du möchtest also ein Stück Kuchen haben, mein Jungchen?“
„Davon hab' ich doch nichts gesagt,“ verteidigte sich Karl, doch auf einen Wink von Maud schwieg er. Die Tante schloß ein Fach des schweren Mahagonibuffets mit schwarzer Marmorplatte auf und holte eine Blechbüchse heraus. Sie bot den Mädchen an, die dankend ablehnten, und der kleine Junge zog ein Gesicht beim Anblick der altbackenen, trocken gewordenen Stückchen Sandkuchen, aber probieren wollte er sie doch.
„Willst du noch eins?“ fragte die Tante, zuschauend, wie er mit langen Zähnen daran kaute.
„Nein, danke, es ist eine Kunst das hinunterzuwürgen, ohne dabei zu trinken.“
„Wir müssen gehen,“ nahm Maud rasch das Wort, bevor Fräulein Müller zu antworten vermochte. „Großmama wird nicht wissen, wo wir geblieben sind.“
Ein steifer Abschied folgte. Im Korridor jagte Karl der Tante noch einen Todesschreck ein, indem er die Miez, die um die Türe guckte, beim Anblick der Fremden aber scheu zurückhuschte, anzischte. Doch lief die Geschichte ohne weiteres Unglück ab.
„Was für ein Wesen!“ rief Agnes entrüstet, als sie auf der Straße waren. „Nie wieder geh' ich zu ihr.“
„Das werden wir doch wohl müssen,“ seufzte Maud. „Sie ist Papas einzige Schwester, aber glücklicherweise mag er sie auch nicht.“
„Du hast ihr's ordentlich gegeben,“ sagte Irma, „und über den Karl hätte ich mich beinahe totgelacht.“