Ruth von Holten war eine stattliche, schöne Frau in der Vollkraft ihres Lebens. Sie glich sehr ihrer Mutter, als diese jünger war und ehe Schmerz und Kummer ihren Zügen einen sanften wehmütigen Ausdruck verliehen hatten. Ihr Name als Sängerin war auch im Auslande rühmlichst bekannt; überall erregte sie mit ihrer schönen, in vorzüglicher Schule gebildeten Stimme und ihrem warmen Vortrage Aufsehen. Ihr Gatte, ein großer Geigenkünstler, war ihr in den ersten Jahren ihrer Ehe ein guter Lehrmeister gewesen. Wo das geniale Paar sich zeigte, ward es mit Jubel empfangen. Auch Gustav fing an, sich als Klavierspieler einen Namen zu machen. Er war ein stiller, junger Mensch, mit den verträumten Augen seines Vaters. Er freute sich, die Cousinen aus Amerika kennen zu lernen, aber die heitere, schalkhafte Agnes setzte ihn oft in Verlegenheit. Er ging ihr wie auch Irma aus dem Wege, die zwar große Stücke auf ihn hielt, ihn aber häufig mit seinem linkischen Wesen und seiner Schüchternheit jungen Damen gegenüber neckte. Er fühlte sich mehr zu Maud hingezogen, die ruhig und ernst mit ihm sprach, ihn nach seinen Studien fragte und sich nicht allein als Musikfreundin und Kennerin, sondern auch als selbst musikalisch ausgebildet zeigte. Die Mädchen waren begeistert, wenn Tante Ruth, Onkel Heinrich und Gustav im Familienkreise musizierten, vielleicht mit noch mehr Liebe und Hingabe als vor einem großen Publikum. Für die Künstlerfamilie war es eine Erquickung, ein wahres Aufatmen, einmal einige Wochen im Elternhause zu weilen und gleichzeitig die Mutter und den alten Freund der Familie, Onkel Heinz, durch ihr Spiel und ihren Gesang glücklich zu machen. —
„Ich bin ganz verliebt in Tante Ruth,“ erklärte Maud, als die drei Mädchen im Schlafzimmer der Cousinen sich noch über den Abend aussprachen.
Agnes schaute sie verwundert an, denn Maud war eine sehr ruhige Natur, die nicht leicht in Entzückung geriet.
„Ja,“ fuhr sie ungewöhnlich erregt fort, „nicht nur, weil sie eine so schöne Stimme hat, sondern auch, weil sie durch und durch schlicht und einfach ist. Und doch hat sie etwas so Vornehmes, gerade wie Großmama. Every inch a lady.“
„Wenn dir das jetzt schon auffällt, dann sollst du Mama erst in Konzerttoilette sehen,“ meinte Irma; „früher trug sie immer weiß, jetzt meist schwarzen oder dunklen Samt. Ich sage dir, sie sieht dann aus wie eine Fürstin.“
„Du mußt eigentlich sehr stolz sein, Irma, als die Tochter von so genialen Eltern. Dein Bruder ist auch sehr talentvoll,“ sagte Maud. „Hast du selbst nie Musikstunden gehabt?“
„Jawohl, als ich klein war, bekam ich Klavierstunden. Wie konnte es anders sein in einer solchen Umgebung? Ich hatte gutes Gehör und würde es wahrscheinlich zu etwas gebracht haben, wäre ich das Kind gewöhnlicher Eltern gewesen; wirkliches Talent besaß ich nicht, und da erklärten Papa und Mama es für besser, wenn ich aufhörte. Dilettanten und Klimperer gäb's in der Musik gerade genug.“
„Hast du dich nie unglücklich gefühlt?“ fragte Maud sanft, „daß du in dieser Hinsicht eigentlich zu kurz gekommen bist? Ich wenigstens würde mich von der Natur für stiefmütterlich behandelt halten, wenn ich solche Eltern, solchen Bruder und selbst keine künstlerischen Anlagen besäße.“
„Ich nicht,“ versetzte Irma lachend und betrachtete ihre schöne, schlanke Gestalt und ihr Engelsköpfchen, von einem Heiligenschein goldblonder Locken umrahmt, mit Wohlgefallen in dem großen Spiegel.
„Du bist freilich sehr hübsch,“ fuhr Maud, über diese Eitelkeit geärgert, fort, „doch Talent zu besitzen ist viel mehr wert.“