Das innige Zusammenleben von Frau Gontrau und ihren Kindern und Enkeln dehnte sich auch auf die Gäste aus, die sich bald ganz wie zu Hause fühlten. Als der Tag der Landpartie anbrach, ging der Leutnant Ludwig mit den amerikanischen Mädchen schon ganz kameradschaftlich um und flirtete lebhaft mit Agnes, was Irma ein klein wenig ärgerte. Hans wagte ganz schüchtern der bezaubernden kleinen Holten einige Komplimente zu machen, und Flora lauschte, Tränen in den Augen, dem Klavierspiel Gustavs, zu dem sie mit großer Bewunderung und Ehrerbietung emporschaute.
Karl hatte an dem wichtigen Tage keine Ruhe. Schon ganz früh tobte er durch das Haus, lief von Zimmer zu Zimmer und klopfte an jede Tür, um seinen Eltern, seinen Schwestern und den beiden Reichers zuzurufen, daß das Wetter schön sei. Die Sonne strahlte hell und warm vom wolkenlosen Himmel herab, und es war ein solcher Überfluß von Duft, Licht und Farbenpracht in der Natur, daß jedes Herz freudig gestimmt wurde.
Als Fritz und Marianne mit ihren Kindern und den beiden Gästen zu Frau Gontrau kamen, fanden sie die ganze Familie schon im Garten versammelt. Großmutter Ilse war, wie immer, schwarz gekleidet, aber mit einem so hübschen Hut auf dem krausen, schlohweißen Haar, daß Agnes, sie umarmend, erklärte, Großmama sei die schönste alte Dame, die sie kenne. Onkel Heinz bemühte sich nach Kräften, ein recht grimmiges Gesicht zu machen, schaute aber doch mit vor Lebenslust funkelnden Augen unter seinem breitrandigen Schlapphut auf all die fröhlichen Menschen. Tante Elisabeth, trotz der Hitze in einem braunwollenen Kleide, einen großen Regenschirm in den Händen, prophezeite, daß die Witterung sich ändern werde. Ruth und ihr Mann mit ihrem eigenartig künstlerischen und eleganten Äußern, durch das sie überall und jederzeit auffielen, verlachten ihre Befürchtungen. Gustav, der sich mit Flora etwas abseits hielt, erzählte dieser, wie schwer es ihm fiele, einen ganzen Tag auf sein Klavierspiel zu verzichten. Irma sah so bezaubernd aus in einem weißen Mullkleidchen mit hellblau verziert, daß Hans gar nichts zu sagen wußte, Ludwig sie bewundernd anschaute und ihr eitles Herzchen vor Stolz hoch aufschwoll.
Nun fuhren die Wagen vor; zwei bequeme, wenn auch altmodische Fahrzeuge, die aber jetzt elegant und malerisch aussahen, so reich hatte das junge Volk sie mit Blumengewinden und Tannenguirlanden geschmückt.
Das war ein Leben! Großmutter Ilse und Tante Elisabeth wurden zuerst hineingehoben; letztere erkundigte sich mehrmals, ob die Pferde auch nicht wild seien, und versicherte, daß sie sich eigentlich gar nichts aus Spazierfahrten mache. Mit einem wahren Märtyrergesicht wollte Onkel Heinz zwischen den beiden Damen Platz nehmen, als Agnes und Ludwig erklärten, daß er zu den jungen Leuten gehöre.
„Ich? Seid ihr denn ganz verrückt?“ rief er scheinbar wütend aus; „was wollt ihr mit so 'nem alten Querkopf anfangen?“
Irma aber warf ihm lachend einen in der Eile geflochtenen Kranz von Eichenblättern über den Hut und sagte:
„Siehst du, Onkel, wenn wir nun noch einen Esel hätten, könntest du gut als Silen gehen. Wir Mädchen sind die Nymphen, die jungen Leute Faune, bis auf Hans, der hat die prächtigste Gestalt für Gott Bacchus selbst.“
Alle lachten. Hans wurde rot, besiegte aber seine Verlegenheit und rief:
„Wenn ich Bacchus vorstellen soll, hab' ich als Gott zu befehlen, und dann will ich mit Ihnen allein auf der vordersten Bank sitzen, Irma.“