„Wollen Sie nicht ein wenig mit mir im Garten spazieren gehen?“ fragte sie. „Ich habe schon so lange gesessen. Der Professor ist noch mit seiner Bowle beschäftigt.“

Wider Willen geschmeichelt, daß Frau Gontrau sich so um sie bemühte, stand Fräulein Müller auf. Ilse nahm ihren Arm.

Der Abend war hereingebrochen. Die Kellner zündeten die Laternen im Garten an; überall leuchteten bunte Lampions zwischen dem Grün auf. Aus dem Tanzsaal erschallte Musik und heiteres Stimmengesumme. Mit Absicht schlug Frau Gontrau einen Seitenpfad ein und begann milde:

„Liebe Elisabeth, ich war eine Freundin Ihrer Mutter und habe Sie und Fritz von Geburt an gekannt. Da darf ich mir doch wohl herausnehmen, Ihnen einen Rat zu geben.“

Elisabeth warf den Kopf in den Nacken:

„Natürlich, Frau Gontrau.“

„Sie beklagen sich, daß die Menschen nicht lieb zu Ihnen sind; daß die jungen Mädchen Sie unfreundlich behandeln und gerne necken. Vielleicht haben Sie recht, aber denken Sie einmal nach, und sagen mir ehrlich und aufrichtig, ob Sie daran wirklich ganz unschuldig sind.“

„Ich weiß nicht, was Sie wollen,“ entgegnete Tante Müller steif. Ilse aber ließ sich nicht abschrecken.

„Wenn Sie sich bemühten, es den Leuten in Ihrem Hause etwas behaglicher zu machen,“ fuhr sie herzlich fort, „würden Sie selbst viel glücklicher sein. Was haben Sie von all den Zimmern, die niemals eines Menschen Fuß betritt, in denen nie ein Fenster geöffnet wird, aus Furcht vor Staub, wo stets alles gleich tadellos und dadurch so kalt und ungemütlich ist? Wenn es regnet und jemand kommt zu Ihnen, lautet Ihre erste Frage, ob er sich auch gut die Füße abgewischt hat, und ich glaube, Sie würden sich totunglücklich fühlen, wenn etwas Schmutz und Nässe die Fliesen Ihres Flurs befleckte. Das ermutigt die Leute nicht; sie fühlen, daß sie nicht willkommen sind und bleiben lieber fort.“

„Mich besucht doch niemand,“ versetzte Elisabeth, die ganz böse werden wollte, aber in Frau Gontraus warmem, teilnehmendem Ton lag etwas Besänftigendes. „Übrigens begreife ich eigentlich nicht, was Sie das angeht.“