„Sie sollten sich schämen, Elisabeth,“ rief sie heftig. „Daß Sie selbst sich nicht amüsieren können und alles verurteilen, was einfache, schlichte Menschen nett finden und gern mögen, ist Ihre Sache, aber ich verbitte mir ernstlich, daß Sie gegen einen meiner Gäste gehässige Bemerkungen machen. Ich hab' es gut geheißen, daß die jungen Mädchen tanzen — nehmen Sie daran Anstoß, so behalten Sie Ihre Bedenken für sich, wir werden uns jedenfalls nicht daran kehren.“

Erschrocken schwieg Elisabeth. Sie fürchtete sich ein bißchen vor Frau Gontrau, die ihr noch immer am höflichsten und freundlichsten entgegenkam. Die Augen der alten Dame blitzten vor Zorn und für einen Moment lebte die alte, aufbrausende Ilse wieder auf.

„Ich darf doch wohl sagen, was ich für unpassend finde,“ stammelte Elisabeth, in ihrem Innern noch viel zu entrüstet, um nachzugeben.

„Nicht, wenn keiner danach fragt,“ entgegnete Ilse. „Sie haben schon mehr als zuviel Kritik geübt. Geh nur mit Marianne, Fritz. Ruth und Heinrich haben auch die Absicht, sich in den Saal zu begeben. Wer weiß, wenn die Bowle ganz fertig ist, kommen Onkel Heinz und ich vielleicht auch auf ein Weilchen und gucken zu. Was meinen Sie, Herr Professor?“

„Vortrefflich, Frau Ilse! Wenn mein dummes Bein mir nicht so aufspielte, würde ich Ihnen allen einen Hornpipe[(1)] vortanzen, daß Sie Ihr blaues Wunder erleben sollten.“

Heiter gingen die andern ins Haus. Ilse widmete ihre Aufmerksamkeit einen Augenblick der Bowle und schaute dann nach Fräulein Müller. Steif und kerzengerade saß diese auf ihrem Stuhl. Frau Gontrau, die ebenso rasch versöhnt war, wie sie heftig werden konnte, fürchtete, die alte Jungfer doch zu hart angefahren zu haben, und hatte schon wieder Mitleid mit dem einsamen Wesen, das so unglücklich in seiner Ecke saß, während alle andern sich gut unterhielten. Der Professor schüttelte den Kopf, als sie sich zu ihr wendete und freundlich sagte:

„Sie müssen nicht böse sein, Elisabeth, weil ich zornig war. Sie sind mein Gast, und es würde mir leid tun, wenn ich Sie gekränkt hätte.“

Fräulein Müllers Mienen wurden nicht sanfter, als sie in sauersüßem Tone erwiderte:

„Ach, Frau Gontrau, mir gegenüber brauchen Sie sich wirklich nicht zu entschuldigen. Auf mich kommt's nicht an. Jeder darf mich ungestraft beleidigen. Wenn die Mädchen mich auslachen und Karl frech zu mir ist und mich zum Gespött macht, haben alle ihre Freude dran. Um mich kümmert sich niemand, und Sie brauchen es auch nicht zu tun.“

Der Groll und der gekränkte Stolz, die aus diesen Worten sprachen, taten Ilse weh und sie näherte sich Elisabeth.