Während des nun folgenden Gesangs löste er, ohne daß es in der dämmerigen Beleuchtung außer ihr jemand bemerkt hätte, gewandt eine der hellblauen Schleifen, mit denen ihr Kleid verziert war, drückte einen Kuß darauf und ließ sie in der Tasche verschwinden.

„Das ist nicht erlaubt,“ flüsterte sie; aber sie fühlte mehr als sie sah, wie flehend er sie anschaute, und schwieg.

Endlich mußte doch an die Rückfahrt gedacht werden. Es war höchste Zeit. Als die älteren Damen hörten, wie spät es schon war, erschraken sie. Der Befehl zum Anspannen wurde gegeben. Das ganz aus Rand und Band geratene junge Volk schlug vor, wieder den Weg zu Fuß über den Wasserfall zu machen und erst an den Stallungen einzusteigen; das würde eine entzückende Mondscheinpromenade sein.

Verschiedene Ausrufe wie: „Ach ja! Das wollen wir! Himmlisch! Bitte, Großmama!“ ließen sich hören; Fritz aber erklärte kurz und bündig:

„Daraus wird nichts; wir fahren den andern Weg, der ist um eine gute Stunde kürzer!“

Hochstein half Irma in den Wagen und flüsterte ihr zu, wie scheußlich er es fände, daß er und seine Freunde nicht mitfahren könnten.

„Adieu, adieu! Herzlichen Dank, Herr Professor!“ klang es von allen Seiten, dann setzten die Fuhrwerke sich in Bewegung. Das letzte, was Irma zu unterscheiden vermochte, war die schlanke Gestalt ihres Anbeters, der sein Cerevis schwenkte und sie, sie allein, grüßte.

Der Wagen bog um die Ecke, und plötzlich schien es ihr, als sei alles dunkel und trübe geworden. Jetzt bemerkte sie erst, daß sie neben Hans Reicher saß. Sie fühlte sich so glücklich, daß es ihr leid tat, den armen Jungen unfreundlich behandelt zu haben.

„Sind Sie mir böse?“ fragte sie sanft.

„Weshalb?“