„Na,“ fuhr der Professor fort, plötzlich wieder ins andere Extrem umschlagend, „er wäre der Schlechteste nicht; in jedem Fall viel besser als der Gigerl von Offizier. Du brauchst seinetwegen nicht so die Nase zu rümpfen. Glaubst du denn, daß noch ein Prinz für dich kommen wird?“
Der alte Herr schaute sie unter seinen buschigen Augenbrauen durchdringend an, und Irma errötete unter diesem scharfen Blick.
„Wie kommst du mir heut nur vor, Onkel Heinz?“ fragte sie. „Erst bist du bös, weil die Andern sich verliebt haben und sich verloben, und nun ich sage, daß ich an so etwas nicht denke, ist's auch nicht recht.“
„Bös, das ist nicht wahr. Es bringt mich nur um meine Laune, weil sie sich so verdreht anstellen und weil ich von nichts anderem mehr höre; aber sie haben recht, wenn sie heiraten. Menschen, die unverheiratet bleiben, na — du siehst ja, was daraus entsteht. Ein alter, brummiger Neidhammel wie ich, oder so ein Exemplar wie Tante Elisabeth. Darum, kleines Jungfräulein, wenn ein braver, ehrlicher Mann dir zeigt, daß er dich lieb hat, denk lieber zweimal nach, bevor du ihm 'nen Korb gibst, um irgend einem goldbeschwingten Schmetterling nachzujagen, den du doch nicht fängst.“
Bei diesen Worten stand Professor Fuchs auf und humpelte davon. Er hatte zur Zeit viel von der Gicht zu leiden und stampfte nun ungewöhnlich laut mit seinem Stock auf.
Glühend vor Entrüstung sah Irma ihm nach. Zum erstenmal in ihrem Leben war sie ernstlich böse auf Onkel Heinz. Was bedeutete das? Um was kümmerte er sich? Was mochte er beobachtet haben? Sie begriff nur zu gut, daß er auf Baron von Hochstein anspielte. Was ging ihn das an? Sie hätte nie gedacht, daß er, Onkel Heinz, solche Dinge überhaupt bemerke! Er brauchte sie wahrlich nicht zu warnen, sie sollte ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen. O, wenn er wüßte!
Irma schaute sich im Garten um, ob auch niemand in der Nähe sei; nein, das Terrain war sicher. Nun zog sie aus ihrem Kleide ein zierliches Briefchen hervor und las es, wohl schon zum hundertstenmale. Sie wußte es Wort für Wort auswendig, aber es war ihr ein Genuß, sich immer wieder von seinem Inhalt zu überzeugen.
Mein gnädiges Fräulein!
Vor zwei Tagen kannte ich Sie noch nicht; ahnte ich nicht, daß es etwas so unbeschreiblich Schönes auf der Welt gäbe. Erst seit zwei Tagen lebe ich, fühle ich wenigstens, daß das Leben wert ist, gelebt zu werden. Irma, ich liebe Sie und ich muß Ihnen das sagen, auf die Gefahr hin, daß Sie mich für meine Kühnheit strafen. Denn es ist ein Vorzug, etwas so Vollkommenes, so wunderbar Schönes anzubeten. Haben Sie ein wenig Mitleid mit mir? Ich bitte nicht um Erwiderung meiner Gefühle. Das wäre zu anmaßend. Möchte die Darbietung meiner erfurchtsvollen, meiner unermeßlichen, meiner ewigen Liebe Ihnen nur nicht zuwider sein. Das ist alles, um was ich Sie anzuflehen wage. Dienstag Nachmittag zwischen vier und fünf Uhr werde ich an Ihrem Hause vorübergehen. Wenn ich Sie dann an einem der Fenster oder im Garten sehe und Sie tragen eine rote Rose im Gürtel, machen Sie mich zum glücklichsten der Sterblichen, wenn nicht — ich wage es nicht auszusprechen, welcher Verzweiflung ich dann anheimfallen würde.
Ich ersuche Sie um strengste Geheimhaltung; mir ist, als würde meine Liebe entweiht, wenn jemand auch nur eine Ahnung davon hätte.