Ihr ewig getreuer
Otto von Hochstein.
Arme kleine Irma, sie verstand nicht das Geschraubte und zugleich Triviale dieses Briefes. Sie war buchstäblich begeistert, und ihr eitles Herzchen klopfte vor freudigem Stolz.
„Irma, Baronin von Hochstein,“ sprach sie immer wieder leise vor sich hin. Natürlich fiel es ihr gar nicht ein, jemand Mitteilung von ihrem köstlichen Geheimnis zu machen, aber es kostete sie doch einen Kampf, Agnes gegenüber ganz zu schweigen. Das Mädchen war strahlend glücklich und sprach mit wahrer Begeisterung von Ludwig. Irma schaute sie fast mitleidig an; was war der junge Leutnant im Vergleich zu Otto? Es schien ihr, als ob die Beiden gar nicht in einem Atemzug genannt werden könnten; Agnes war zudem so von ihrem Verlobten erfüllt, daß sie keine Augen für Irma hatte und gewiß nicht mit dem richtigen Interesse ihrer wichtigen Mitteilung Gehör schenken würde.
Und so verhielt es sich mit allen. Die zwei großen Ereignisse im Familienkreise nahmen die Gedanken so in Anspruch, daß keiner auf Irma acht gab. Selbst Großmutter Ilse und Ruth, die sich sonst so viel mit ihrem Liebling beschäftigten, sahen nicht, wie erregt und geheimnisvoll sich das junge Mädchen benahm, wie sie ohne jede Veranlassung die Farbe wechselte, die Einsamkeit suchte und oft ganz gegen ihre Gewohnheit in sich versunken, dann wieder ausgelassen lustig sein konnte. Sie widmete ihrem Äußern noch mehr Sorgfalt als früher. Ihre Züge zeigten einen Ausdruck, der sie vielleicht noch schöner machte, aber doch von der kindlichen Unschuld, mit der sie früher die Vergißmeinnichtaugen aufschlug, himmelweit verschieden war.
Onkel Heinz, der vielmehr beobachtete, als man vermutete, und der das Kind aufs zärtlichste liebte, kam zu der Ansicht, daß etwas im Werk sei, und machte sich seine Gedanken darüber. Da er aber nichts Gewisses wußte, hütete er sich wohl, seine Nase in Dinge zu stecken, die einen alten Junggesellen nichts angingen. Er begnügte sich, der Kleinen anzudeuten, daß er ein wachsames Auge auf sie habe.
Der zweite, der etwas merkte, aber nichts sagen durfte, war Hans Reicher. Seit der schöne Student mit den bestechenden Manieren auf der Bildfläche erschienen war und Irmas liebliches aber eitles Köpfchen mit seinen Schmeicheleien erfüllte, wußte Hans, daß er nichts mehr zu hoffen hatte. Obgleich ihm das bitter wehtat, würde er sich doch darein ergeben haben, weil seine Liebe großmütig und frei von Selbstsucht war. Irmas Glück stellte er weit über das seine, und er fürchtete, daß der Baron von Hochstein nicht die Persönlichkeit sei, der ein junges Mädchen vertrauensvoll seine Liebe schenken könne. Sein Auftreten war zu übermütig, zu dreist. Etwas Bestimmtes wußte Hans jedoch nicht, auch hatte er kein Recht, sich nach Hochstein zu erkundigen; so blieb ihm denn nichts anderes übrig, als mit Angst und Trauer im Herzen abzuwarten, was aus der Sache werden würde.
Flora Werner und ihre Tochter, Thusnelda Reicher, trafen ein, und nun wurde die Doppelverlobung durch ein großes Familienfest gefeiert.
Flora war eine alte Frau geworden, aber ihr fehlte die vornehme Würde, die Ilse auszeichnete. Selbst jetzt hatte sie ihrer Sucht sich zu putzen nicht widerstehen können. Sie trug sich jugendlicher und auffallender als ihre Tochter und sah mit ihrem nach der neuesten Mode frisierten Haar geradezu lächerlich aus. Heinrich von Holten und Fritz Müller nannten sie eine alte Kokette und verspürten Lust, sie ein bißchen zum Narren zu haben, aber sie überlegten, daß dies nicht angebracht sei bei der Jugendfreundin ihrer Schwiegermutter und der künftigen Mutter ihrer eigenen Kinder. Frau Reicher, früher ein leicht errötendes, aber kerngesundes, kräftiges junges Mädchen war nun ein kleines, rundliches Frauchen, sehr verlegen, besonders in Ruths Gesellschaft, deren fürstliche Grazie ihr riesig imponierte. Sie war ganz glücklich über die Wahl ihrer Kinder und gleich vertraut mit Agnes; zu Gustav aber wagte sie kaum ein Wort zu reden. Die alte Flora fühlte sich im siebenten Himmel. Die Verlobung ihres Großsohnes mit Agnes ließ sie ziemlich gleichgültig; sie fand sie ganz passend, aber es war nichts außergewöhnliches dabei; daß aber ihre Enkelin einen Künstler heiraten sollte, den Sohn des berühmten Ehepaares von Holten, darüber war sie ganz aus dem Häuschen.
„Siehst du, liebste Ilse,“ sagte sie zu ihrer alten Freundin, „das versöhnt mich mit dem Leben. Du weißt, welch dichterisches Talent ich besaß; wie ich sozusagen zu großen und schönen Dingen vorherbestimmt war und wie meine Seele durch die Prosa meines Lebens gelitten hat. Ich habe mich gefügt; als ich meine Schwingen nicht so entfalten durfte, wie ich ersehnte, habe ich sie kampfesmüde eingezogen. Meinem guten, prosaischen Manne war ich eine treue Gefährtin. Ich erfüllte meine Pflicht, und nun werde ich belohnt. Mein Liebling, das Kind, das meinen Namen trägt, in dessen jugendlicher Seele meine Dichternatur wieder aufblüht, wird sich mit einem Künstler verbinden, einem nach hohen Idealen strebenden, schöpferischen Genie. Nun kann ich ruhig sterben — ich habe nicht umsonst gelebt!“
Ilse hielt es nicht für nötig, auf diesen Wortschwall viel zu erwidern noch Flora daran zu erinnern, daß Gustav bis jetzt noch kein schöpferisches Genie genannt werden konnte. Sie lachte nur bei dem Gedanken, wie wenig ihre alte Pensionsfreundin sich im Grunde doch verändert hatte, trotzdem das grausame Leben sie gezwungen hatte, auf alle Dummheiten zu verzichten und einfach mit der Wirklichkeit zu rechnen. Letzteres hatte sie aber auch so gut getan, daß man ihre übertriebenen Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihen konnte.