Thusnelda klagte Ilse, daß die kleine Flora noch so viel zu lernen habe, da sei es gut, wenn die jungen Leute noch nicht gleich heirateten, denn die Kleine sei, besonders in allem, was den Haushalt beträfe, noch sehr unwissend. Aber Ilse, die selbst nie mit besonderer Lust und Liebe gewirtschaftet hatte, fand diese Sorge unwichtig.
„Die Führung des Haushaltes lernt sich von selbst,“ sagte sie, „und wozu sind denn die Dienstboten da?“
Bescheiden schwieg Thusnelda. Sie wagte nicht, Frau Gontrau zu widersprechen, aber in ihrem Herzen dachte sie, daß Ilse neben einer gut gefüllten Börse immer Glück mit ihren Dienstboten gehabt haben müsse, — dann konnte sie wohl so reden.
Die Familie Reicher und Flora Werner reisten zuerst ab. Agnes und Ludwig benahmen sich tadellos bei der Trennung. Der Ort, wo der junge Leutnant in Garnison stand, war nicht weit von F. entfernt, so daß er sicher jeden Monat einmal herüberkommen konnte. Die kleine Flora dagegen zerfloß in Tränen, so daß Onkel Heinz ihr spottend vorschlug, sich bei der städtischen Wasserversorgung anstellen zu lassen. Hundertmal fragte sie Gustav, ob er sie auch nicht vergessen werde; und als sie sich endlich aus seinen Armen lösen mußte und die Coupétüre geschlossen wurde, fiel sie schluchzend Großmutter Werner um den Hals. Diese allein verstand sie und bemühte sich, sie mit leise gemurmelten Worten zu trösten. Der einzige, der sich freute, wieder an seine Arbeit gehen zu können, war Hans. Er besaß keine sentimentale Natur, und wenn er auch wußte, daß es ihm nie gelingen würde, Irma zu vergessen, da er doch nun einmal nicht anders konnte, als das kleine, kokette Ding lieben, so war es doch nicht seine Sache, sich feige und weich seinem Kummer hinzugeben. Er sehnte sich nach dem einzigen Mittel, seine Enttäuschung zu überwinden, nach ernster, rastloser Arbeit.
Mit heitern Mienen hatte er von allen Abschied genommen. Als die Reihe an Irma kam, drückte er ihr Händchen so kräftig in seiner großen Faust, daß er ihr weh tat, und sagte mit eigentümlich bebender Stimme:
„Sie wissen, Irma, was ich gehofft habe. Es hat nicht sollen sein, und ich muß trachten, mich darein zu ergeben. Aber um eins will ich Sie bitten. Denken Sie ab und zu daran, daß Ihnen ein treuer Freund lebt, der alles opfern würde, um Sie glücklich zu machen.“
Sie waren einen Augenblick allein. Schnell, bevor sie es hindern konnte, legte er den Arm um sie und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Dann ließ er sie los und begab sich zu den andern. Irma wollte entrüstet auffahren, vermochte es aber nicht; zu ihrem großen Ärger fühlte sie ein Weh in ihrem Herzen, und das unbestimmte Gefühl, als habe sie etwas sehr Kostbares verspielt, bemächtigte sich ihrer. Freilich nur einen Augenblick, dann tastete sie mit der Hand in ihr Kleid, wo zwischen weichen Spitzen ein rosa Briefchen verborgen lag, und mit stolz erhobenem Haupte und leuchtenden Augen schaute sie Hans nach.
Am nächsten Tage reisten auch Holtens ab, und nun fing für Ilse und Irma wieder das alte ruhige Leben an, das sie vor der Ankunft der amerikanischen Familie geführt hatten.