„Das ist doch übertrieben, liebste Ilse,“ sagte Leo. „Bedenke doch, wie Fred von seiner Frau gehegt, gepflegt und verwöhnt war und wie einsam und unglücklich der arme Mann sich nun fühlen mußte. Wenn er aufs neue häusliche Gemütlichkeit und Glück sucht, darfst du ihn wirklich nicht beurteilen.“
„Verehrte Frau,“ fügte der Professor in seinem gewohnten spöttischen Ton hinzu, „nicht alle Männer sind schon in der Wiege zu alten Junggesellen oder vertrockneten Bücherwürmern bestimmt!“
Ihre Worte gossen aber nur Oel ins Feuer. Der Trotzkopf der Jugendzeit, der sich jetzt so selten zeigte, daß man seine Existenz beinahe vergessen hatte, kam wieder einmal zum Vorschein.
„Unsinn,“ rief sie heftig, „natürlich müßt ihr ihm die Stange halten; die Männer sind sich alle gleich, herzlose Egoisten, welche die Liebe einer Frau nicht verdienen und sie nur zu schnell vergessen.“
„Aber Ilse,“ wandte Leo ein.
„Schweig still, du würdest es gerade so machen, wenn ich gestorben wäre,“ klagte sie weinend.
„Das weißt du wohl besser, Liebste,“ nahm Gontrau ernst das Wort. „Aber wir dürfen andere nicht gleich verurteilen, wenn sie unter Umständen anders handeln, als wir an ihrer Stelle getan hätten. Wenn auch nicht alle Männer imstande sind, nur einmal im Leben und für immer zu lieben, so ist es doch sehr gut möglich, daß ihre Zuneigung warm und echt ist.“
„Kein einziger Mann besitzt die Fähigkeit, nur einmal im Leben zu lieben,“ erklärte Ilse, noch immer zürnend, „ausgenommen der meinige,“ fügte sie plötzlich hinzu, den traurigen, vorwurfsvollen Blick bemerkend, mit dem Leo sie anschaute, und sie schmiegte den Kopf an seine Schulter.
Professor Fuchs sah die beiden an, und als Ilses Blick dem seinen begegnete, meinte sie einen eigentümlichen Ausdruck darin zu lesen und fragte:
„Na, Herr Professor, Sie sind natürlich wieder nicht meiner Meinung?“