Aber statt der streitsüchtigen Antwort, die sie zu hören erwartete und auf die gewöhnlich ein hitziger Wortwechsel folgte, erwiderte Onkel Heinz milde:
„Nein, Frau Gontrau, denn ich weiß, daß es Männer gibt, die ebenso treu wie eine Frau zu lieben vermögen, ihr ganzes Leben lang, selbst ohne Gegenliebe und ohne die Hoffnung, jemals glücklich zu werden.“
Gedankenvoll starrte er vor sich hin, und sein Antlitz zeigte denselben Ausdruck, der Ilse jetzt nicht mehr — wie vor vielen Jahren — in Bestürzung versetzte, der sie jetzt nur mit Mitleid erfüllte, warum, wußte sie selbst nicht zu sagen.
Wenn Frau Ilse bei ruhigerer Überlegung auch zugeben mußte, daß Direktor Althoffs Benehmen zu entschuldigen war, so empfing sie ihn doch mit sehr kühler Höflichkeit, als er ihr seine Braut vorstellte. Instinktiv fühlten beide, daß die alte Freundschaft aufgehört hatte, und obwohl sie sich dann und wann sahen, war doch von dem früheren herzlichen Verkehr keine Rede mehr. Ilse konnte es Fred nicht verzeihen, daß er Nellies Platz von einer andern einnehmen ließ. Als es sich nach einiger Zeit herausstellte, daß seine zweite Frau lange nicht so liebevoll und sanft war wie die verstorbene, daß der Direktor recht schön unter dem Pantoffel stand und von Verhätscheln und Verwöhnen keine Rede war, empfand sie nicht das geringste Mitleid mit ihm, sondern erklärte, daß er nur ernte, was er verdient hatte.
Wieder vergingen viele Jahre. Die Enkel in San Franzisko wurden groß und schrieben nette deutsche Briefchen an Großpapa und Großmama Gontrau. Ruths Sohn, der jetzt im vierzehnten Jahre stand, fing an, eine so überraschende musikalische Begabung zu zeigen, daß seine Eltern stark daran dachten, auch ihn die Künstlerlaufbahn einschlagen zu lassen. Da geschah etwas Schreckliches und der schwerste Schlag, der sie treffen konnte, beugte Ilse für eine Zeit völlig nieder.
Obwohl fast sechzig Jahre alt, stand Professor Gontrau doch noch in voller Manneskraft und kam seinen vielen Amtsgeschäften mit Eifer und Treue nach. Ihm und Ilse schwanden die Jahre fast unmerklich dahin, und beide sahen für ihr Alter wunderbar jung und frisch aus. Das kam von dem vielen Glück, das ihnen das Schicksal bescherte, und von der großen Liebe, mit der sie sich gegenseitig umgaben. Da zog sich Gontrau, der nie krank gewesen war, eine Erkältung zu, die er anfänglich vernachlässigte. Sie hatte eine schwere Lungenentzündung zur Folge, die ihn innerhalb einer Woche dahinraffte. So schnell und heftig hatte die Krankheit zugenommen, daß Ruth und ihr Mann, die in Paris weilten, kaum Zeit fanden, an das Sterbebett ihres Vaters zu eilen, und erst ein paar Stunden vor seinem Hinscheiden eintrafen. Sie waren tief betrübt; ihre Kinder, Gustav und die kleine Irma, weinten heiße Tränen, weil der liebe Großpapa, an dem sie so zärtlich hingen, von ihnen ging. Fritz und Marianne schrieben aus San Franzisko trostlose Briefe.
Im Kreise der Rechtsgelehrten, zu dem Professor Gontrau gehörte, herrschte große Betrübnis, aber kein Schmerz war mit der starren Verzweiflung zu vergleichen, die sich Ilses bemächtigt hatte. Von allen Seiten wurden ihr Zeichen der Teilnahme entgegengebracht. Ruth und die Kinder blieben wochenlang bei ihr. Die Tochter bot allem auf, um ihre Mutter zu trösten. Professor Fuchs zeigte in seiner eigenartigen Weise, wie innig er mit der Witwe fühlte. Flora Werner kam selbst vom Lande herein und war so herzlich, daß Onkel Heinz, der sie immer noch überspannt gefunden und sich nie viel aus ihr gemacht hatte, sich ganz mit ihr aussöhnte. Doch alles war vergebens, Ilse wollte keinen Trost gelten lassen. Bis dahin noch eine hübsche, stattliche Dame hatte sie sich im Laufe weniger Monate in eine alte Frau mit schneeweißem Haar verwandelt; die früher so lebhaften Augen starrten erloschen aus dem bleichen, hager gewordenen Antlitz, die stets so beschäftigten Hände lagen tagelang müßig im Schoß!
Mit Tränen in den Augen hatte Ruth sie oft umarmt und angefleht, sich um aller derer willen, die sie so innig liebten, doch ein wenig aufzuraffen.
„Ich kann nicht, Kind,“ lautete die traurige Antwort, „selbst wenn ich wollte. Glaube mir, das beste für mich wäre, wenn ich deinem teuren Vater bald folgen könnte.“
Mit zusammengezogenen Brauen und einem Gesicht, das sich je länger je mehr verdüsterte, bemerkte Onkel Heinz, der fast täglich in dem Gontrauschen Hause weilte, diese traurige Veränderung. Anfangs hatte er das größte Verständnis für Ilse gehabt und nicht gewußt, wie zart er mit ihr umgehen sollte. Allmählich aber sah er die Sachen mit andern Augen an und beschloß einmal ein ernstes Wort zu reden.