„Wissen Sie, Frau Gontrau,“ begann er, als er mit ihr allein war, „woraus wir, meiner Ansicht nach, Trost schöpfen können, wenn wir unsre Liebsten verloren haben?“
Ilse schlug die brennenden Augenlider auf und schaute ihn fragend, mit einem Schimmer von Interesse an.
„Wenn wir in ihrem Geiste weiterleben,“ fuhr der alte Mann fort, „wenn wir genau dasselbe tun, womit wir sie glücklich machten, als sie noch bei uns weilten.“
„Vielleicht,“ versetzte Ilse mit bitterm Lächeln.
„Sie aber tun das nicht,“ fuhr Onkel Heinz erbarmungslos fort. „Oder glauben Sie, der gute Gontrau würde sich darüber freuen, wenn er wüßte, daß Sie sich so gehen lassen, sich sogar gegen die Liebe Ihrer Kinder gleichgültig zeigen und auf dem besten Wege sind, Ihre Gesundheit zu zerstören und sich aufzureiben?“
„Zum Glück weiß er das nicht.“
„Sind Sie dessen ganz sicher? Und selbst wenn dem so wäre, der Gedanke, in dem Geist und Sinn unserer lieben Verstorbenen weiter zu leben, ist ein festes, köstliches Band, das uns mit ihnen verbindet. Jedenfalls finde ich Sie in Ihrem Leid ganz besonders egoistisch und undankbar.“
Ilse stand auf, ihre trüben Augen fingen an zu funkeln, etwas von ihrer alten Natur wurde wach in ihr, und sie rief entrüstet: „Wie dürfen Sie es wagen, so zu mir zu sprechen? Ich verlange nichts, als daß man mich mit meinem Schmerz allein läßt! Egoistisch, undankbar! Wie sollte ich Ursache haben, dankbar zu sein, ich, über die das größte Leid gekommen ist, das eine Frau treffen kann!“
Onkel Heinz ließ sich jedoch nicht abschrecken; er war schon froh, daß er sie aus ihrer Apathie aufgerüttelt hatte, und fuhr ruhig fort:
„Egoistisch, weil Sie nur an sich denken und ganz vergessen, daß es Ihre Pflicht ist — und nichts weiter als Ihre Pflicht und Schuldigkeit — für Ihre Kinder zu leben und ihnen durch doppelte Liebe den Vater zu ersetzen. Undankbar, weil Sie all das Gute nicht erkennen, was Ihnen noch geblieben ist. Wer sind Sie denn, Frau Ilse, und auf welchen Standpunkt stellen Sie sich eigentlich, um so viel vom Leben fordern zu dürfen?“