„Ich?“ stammelte sie verständnislos.
„Ja, Sie,“ wiederholte er heftig. „Alle Segnungen, die ein Menschenleben glücklich gestalten können, sind Ihnen zu teil geworden. Sie haben eine sorgenlose Jugend genossen, waren schön und gesund, durften den Mann heiraten, den Sie unaussprechlich liebten. Ihre Kinder haben Ihnen nie eine trübe Stunde bereitet; auch an irdischen Glücksgütern fehlte es nicht. Mehr als dreißig Jahre waren Sie mit Ihrem Manne vereint und haben die denkbar größte Seligkeit erfahren.“
„Ja, aber eben gerade deshalb ist es jetzt so fürchterlich,“ schluchzte Ilse. „Gerade weil ich meinen Mann so geliebt habe, so glücklich mit ihm gewesen bin, kann ich ihn nicht entbehren, und es ist so trostlos, ohne ihn leben zu müssen. Aber davon wissen Sie nichts, das können Sie nicht verstehen.“
Onkel Heinz lächelte traurig.
„Nein, das kann ich natürlich nicht verstehen; aber wissen Sie, Frau Gontrau, was ich außerdem auch nicht verstehe? Daß Sie sich niemals die Frage vorgelegt haben, in welchen Beziehungen Sie denn so viel besser, weiser und liebenswürdiger sind als andre, um so bevorzugt zu werden. Denn ich sage Ihnen, tausende schmachten nach dem Glück, das Ihnen mühelos in den Schoß gefallen ist. Tausende müssen im Leben sich begnügen, die reichbesetzte Tafel anderer zu sehen, und lernen, sich neidlos an fremdem Glück zu freuen, ohne daß ihnen von den begehrenswerten Schätzen das Geringste zu teil wird.“
Seine Stimme klang seltsam bewegt, was ihr nicht entging; und als sie durch ihre Tränen zu ihm aufschaute, sah sie, daß er ganz gerührt war. Freundlich reichte sie ihm die Hand und flüsterte:
„Sie haben Recht, ich will mich zusammennehmen.“
Und sie hielt Wort. Zwar wurde sie nicht mehr die alte Ilse, die sie früher gewesen war, aber sie lernte, sich in das Unabänderliche schicken, zehrte vom Glück, das sie früher besessen hatte, und konnte dankbar sein für das, was ihr geblieben war. Niemand, selbst Ruth nicht, erfuhr, was der alte Professor mit ihr verhandelt hatte. Ihre Kinder schrieben die günstige Veränderung der alles heilenden Zeit zu.
Einige Jahre später baten Ruth und ihr Gatte, Heinrich von Holten, Großmama Ilse, ihr Töchterchen Irma auf unbestimmte Zeit in ihr Haus zu nehmen. Durch ihren Beruf gezwungen, waren sie viel auf Reisen und konnten nie lange an einem Ort verweilen. Dies unstäte Leben mußte die Erziehung des heranwachsenden Mädchens ungünstig beeinflussen. Mit Gustav war das etwas anderes; der Knabe spielte bereits so meisterhaft Klavier, daß er seine Eltern nicht nur begleitete, sondern sich schon selber öffentlich hören ließ. Irma aber war nicht künstlerisch veranlagt, für sie paßte dies ruhelose Leben nicht. Mit welcher Freude Frau Ilse die Bitte ihrer Tochter erfüllte, läßt sich denken. Sie fühlte sich oft sehr einsam, und nun, wo die hübsche, lustige Irma ihr Gesellschaft leistete, erwachte wieder viel von ihrer früheren Lebenslust.
Alle diese Ereignisse zogen an Ilses Geist vorüber, während sie in ihrem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer saß. Sie erkannte, wie sie es eigentlich Onkel Heinz verdankte, daß sie nun mit Freuden der Ankunft ihrer unbekannten Großkinder entgegensah, und sich auf die spätere Heimkehr von Fritz und Marianne aus dem fernen Lande freuen konnte; und ein Gefühl der Dankbarkeit gegen ihren alten Freund erfüllte sie. —