Gustav stimmte diesem Plane freudig zu, und die beiden jungen Damen begaben sich an die Ausführung. Er sollte im Musikzimmer aufräumen, aber als nach einer Stunde Irma einmal sehen wollte, was er eigentlich trieb, fand sie ihn auf der Erde sitzend und in einer interessanten Partitur blätternd, die er unter den Notenheften gefunden hatte. Darüber hatte er natürlich alles vergessen, auch die ihm aufgetragene Arbeit.

Irma zupfte ihn an den Ohren und rief Flora herbei. Zuerst bekam er tüchtig Schelte, dann wurde im Rat der Frauen beschlossen, ihn auszuschicken, um die Einkäufe zu besorgen, denn hier im Hause würde er den Wirrwarr doch nur vergrößern. Sie gaben ihm einen Zettel, auf dem alles, was sie zum Abendessen brauchten, verzeichnet stand, und er ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen.

Nun machte Irma sich mit vollem Ernst ans Werk, und Flora half tapfer. Das Musikzimmer und der Salon wurden aufgeräumt, das heißt, alles was nicht hinein gehörte, hinter die großen Möbelstücke gepackt. Als der Berg von Büchern, Zigarrenkisten und andern Gegenständen so mächtig anwuchs, daß er drohte, über den Flügel und das Sofa hinauszuragen, warf Irma mit anmutiger Nachlässigkeit einen bunten Teppich darüber, der nach Floras maßgebender Meinung in der Ecke eine sehr hübsche Wirkung hervorbrachte. Inzwischen kehrte Gustav heim, gefolgt von einem kleinen Jungen, der einen Korb mit allerhand guten Sachen trug; der Hausherr wurde gelobt und abermals ausgeschickt, um einige Blumen zu besorgen. Er kam mit einer Menge von lila und weißem Flieder, duftenden Maiglöckchen und großen Büscheln Goldregen zurück, die er selbst, höchst künstlerisch, in den schlanken Vasen ordnete. Es sah wirklich alles sehr hübsch aus. Im Eßzimmer wurde die Tafel gedeckt. Flora wußte von keinem Geschirr, wo es seinen Platz hatte; die Champagnergläser fanden sich im Wäscheschrank, und das blaue Porzellan stand unter dem Bett; auch entdeckten die jungen Eheleute bei dieser Gelegenheit, daß schon vieles fehlte und verschiedene Dinge zerbrochen waren, aber das regte sie weiter nicht auf. In der Küche herrschte solch ein Durcheinander, daß Irma erklärte, sie wollten nur die Türe zulassen und gar nicht hinein sehen, sonst müßten sie verzweifeln. Nach unendlich vielem Suchen, Lachen und Hin- und Herlaufen war die Tafel gedeckt, und wenn sie auch nicht so aussah, daß eine perfekte Hausfrau damit zufrieden gewesen wäre, die Gäste mußten eben vorlieb nehmen. Da es nur Künstler unter sich waren, kam es ja nicht so genau darauf an. Gustav erklärte es für höchst gemütlich und sehr hübsch.

Nun wurde die Kostümfrage für Irma beraten. In dieser Beziehung war die Kleine geschickt, und sie überraschte Flora durch ihre ungewöhnliche Findigkeit.

Ihre eigene Garderobe sowie die ihrer Schwägerin wurden eingehend durchgesehen, wobei ein einfaches rosa und weiß gestreiftes Kattunkleid mit kurzen Ärmeln aus Floras Mädchenzeit zum Vorschein kam. Irma zog weiße Strümpfe und schwarze Lackschuhe mit Kreuzbändern an, über den gestreiften Rock band sie eine Leinenschürze, mit roten Borten gestickt; ihr schönes, blondes Haar legte sie in dicken Flechten um den Kopf, und aus einem Spitzenschlips verfertigte sie mit Hilfe einiger Nadeln ein Häubchen. In diesem Anzug zeigte sie sich dem jungen Ehepaare, das vor Entzücken in die Hände klatschte. Sie hatte nichts von einem Dienstmädchen an sich, sondern sah aus wie ein Zöfchen aus einem französischen Lustspiel; aber sie war so reizend, daß Gustav sie einige Augenblicke sprachlos anstarrte, und dann erklärte, es sei ein Genuß, sie anzusehen; wenn er nur solch ein Dienstmädchen bekommen könnte, dann möchte sie in Gottes Namen radeln, stehlen, trinken, ja sogar Brand stiften. Flora hatte ihr gewöhnliches weißes Hauskleid mit einem ähnlichen Gewande von schmiegsamem Stoff und unbestimmter zartlila Farbe vertauscht, das am Halse ein wenig ausgeschnitten und mit echten Spitzen garniert war. Sie sah in dem durch seidene Lampenschirme etwas gedämpften Licht des Musikzimmers, das manche Unordnung mitleidig verhüllte, wirklich reizend poetisch aus. Gustav meinte nämlich, ein mattes Dämmerlicht erhöhe die Stimmung. Er war sehr zufrieden, da nun alles so recht nach seinem Wunsche ging; hätte er einen von den abscheulichen Küchendragonern im Hause gehabt, so wäre nie ein so wohltuendes Ganzes zustande gekommen.

Während Irma das junge Paar zum Schluß noch ermahnte, nicht zu lachen, sondern ernst zu bleiben, wenn sie bei Tisch bediente, klingelte es. Voll Jubel über die Rolle, die sie spielte, lief sie hinaus und öffnete.

Ein langer, hagerer Herr mit einer goldenen Brille trat ein. Sein kahles Haupt, das nur im Nacken einen Kranz langer Haare zeigte, erinnerte Irma lebhaft an eine Billardkugel mit Fransen. Ihm zur Seite schritt sein alter ego, eine sehr stattliche Dame mit lauter Stimme. Sie trug ein schwarzes Atlaskleid und eine schwere, dreifache Goldkette um den Hals. Ihre kleinen, gutmütigen Augen schauten mit großem Staunen auf Irma, und noch bevor sie den Salon erreichten, flüsterte sie ihrem Gatten zu, sie hätte nie geglaubt, daß in I. solch ein Dienstmädchen zu finden sei.

Irma meldete Herrn und Frau Dr. Raabe. Gustav, der die Verkleidung schon längst wieder vergessen hatte, benahm sich angemessen, aber Flora preßte die Lippen auf einander, um nicht laut loszuprusten. Dann kam ein junger Mann, der, während Irma ihm half seinen Überzieher ablegen, sie unters Kinn faßte und ihr zuflüsterte, daß sie ein paar Prachtaugen habe. Das war weniger angenehm, aber ihre Rolle mußte sie durchführen, so schaute sie ihn nur entrüstet an und drehte ihm den Rücken. Nach und nach erschienen alle Gäste, und dieser Teil des Programms verlief ohne irgend ein Unglück. Flora schenkte den Tee ein, den Irma herumreichte, und die beiden vergnügten sich dabei göttlich. Frau Schweinfurt, eine schmachtende Dame mittleren Alters in himmelblauer Seide, starrte Irma beharrlich an und machte die anderen flüsternd auf ihre weißen Händchen und anmutigen Bewegungen aufmerksam. Schließlich fragte sie Flora, woher sie das Mädchen habe, und diese rettete sich aus ihrer Verlegenheit durch den Einfall, es sei ihre Milchschwester, die ihr aus der Heimat gefolgt wäre. Gustav mußte sich abwenden, um sich nicht zu verraten, und Irma flüchtete ins Eßzimmer, wo sie einen solchen Lachanfall bekam, daß sie in den nächsten fünf Minuten nicht imstande war, den Salon wieder zu betreten.

Nun setzte der Gastgeber sich an den Flügel, und sobald die ersten Akkorde erklangen, wurden alle still und lauschten andächtig dem meisterhaften Spiel. Hinter der Türe horchte Irma auf das Spiel ihres Bruders; sie vergaß alles, die Rolle, die sie zu spielen hatte, und auch das angenehme Gefühl befriedigter Eitelkeit über ihr reizendes Aussehen. Tränen traten ihr in die Augen, eine große Sehnsucht nach Otto ergriff sie, und ihr war, als wäre ihr Herz zu klein, um alle Gefühle der Liebe, des Glückes und der Wehmut, die auf sie einstürmten, zu fassen. Als die letzten Töne verhallten und die Gäste noch immer den gewaltigen Eindruck der herrlichen Musik in sich nachwirken ließen, und zu ergriffen waren, um in lautes Beifallklatschen auszubrechen, zeigte sich Irma als das echte Kind aus einer Familie von Künstlern. Einer augenblicklichen Eingebung folgend, flog sie auf ihren Bruder zu, umarmte ihn, und rief: