Bald war der Vortrupp an einer salzhaltigen Quelle angelangt. Nun wurden schwarzbraune Zeltbahnen auf dem Boden ausgebreitet, Stangen darunter aufgerichtet, die Zeltbahnen durch Seile gespannt und diese an Pflöcken befestigt. Wände aus Schilfmatten trennten die Räume für Frauen und Küche ab. Die Räume der Männer wurden schnell mit Teppichen und abgenutzten Kissen ausgestattet.
Araber vom Albu Segar-Stamm.
Wir hatten für uns und das Automobil um Unterschlupf während der heißen Tagesstunden gebeten. Der Wagen verschwand unter dem äußersten rechten Flügel eines großen Zeltes, und wir verbrachten hier den ganzen Tag. Wir beobachteten die Araber, und sie nicht minder neugierig uns. Europäer und Autos waren ihnen nichts Neues, aber beide zusammen in einem Zelt als Gäste hatten sie noch nicht erlebt. Erst waren sie scheu und zurückhaltend, allmählich aber brach das Eis. Einige besonders schöne Gestalten mit blitzenden Augen, aristokratisch geschwungenen Nasen und schwarzen Bärten in der kleidsamen Tracht ihrer weißen Tücher (Keffije), deren Zipfel über Schultern und Rücken herabhingen und auf dem Scheitel durch zwei dicke, runde Ringe aus schwarzer oder brauner Ziegenwolle (Aggal) festgehalten wurden, versetzten sogleich meinen Zeichenstift in Unruhe. Es war aber schwer, sie zum Modellstehen zu bewegen, und erst als ich unsern Gendarm vor ihren Augen porträtiert hatte, ohne daß dieser dabei einen Schaden erlitt, und jedem einen halben Medschidije versprach, ließen sie sich dazu herbei. Bald lockte der Klang des Silbers auch Leute aus den Nachbarzelten heran, und alle Furcht vor den moralischen Folgen der Prozedur schien gewichen. Die großen, starken Menschen waren wie die Kinder und schämten sich weder ihres Geizes noch ihres Mangels an Mut. Eine der Frauen zu zeichnen, war dagegen unmöglich. Nicht als ob diese sich geweigert hätten, aber die Männer duldeten das nicht. Der Häuptling des Zeltes erklärte mir, auch für unser ganzes Gold und Silder werde keine Frau des Stammes der Schande des Porträtiertwerdens preisgegeben.
Der hungrige Araberjunge.
Als Dank für die Gastfreundschaft, die die Araber uns gewährten, kauften wir für 7 Medschidije zwei Schafe und ein Lamm und luden die ganze Gesellschaft in ihrem eigenen Zelt zu Gaste. Die Schafe wurden geschlachtet, abgezogen, in der Küche in zwei großen Töpfen gekocht und auf großen Metallplatten das Fleischgericht hereingebracht. In zwei dichten Gruppen knieten die Männer zum Mahle nieder und schlangen mit heißer Gier herunter, was sie erwischen konnten; die abgenagten Knochen zerschlugen sie auf dem Rücken ihrer Messer, um auch das Mark zu genießen. Für uns wurde eine besondere Portion nicht sonderlich schmackhaft in Fett gebräunt. In einiger Entfernung sah ein bleicher magerer Junge mit fieberhafter Aufmerksamkeit der Fütterung zu. Er sei krank, behaupteten die Männer, und dürfe nicht essen; ich reichte ihm ein großes Stück, seine Augen glänzten, seine Zähne blitzten, und in wenigen Augenblicken war seine Beute verschwunden. Seine Krankheit war wohl nur Hunger gewesen. Aus andern Zelten stellten sich noch mehrere Gäste ein, jeder erhielt seinen Anteil, und es blieb sogar noch Fleisch übrig, das zu späterer Verwendung wieder in die Küche geschafft wurde. Sehr befriedigt erhoben sich unsere arabischen Freunde von diesem ungewöhnlichen Festschmaus. Unser Silber hatten sie in der Tasche, das Fleisch der ihnen abgekauften Schafe selbst aufgegessen, und die Felle bekamen sie noch dazu geschenkt — ein feines Geschäft! Dafür bewirteten sie uns mit Airan, saurer Milch, und dünnem Gerstenbrot, das auf einem Kasserollendeckel gebacken war. Den Schluß machte Kaffee, der bitter war wie Chinin.
Einer unserer Gäste im Araberzelt.
Merkwürdigerweise war die Hitze im Zelt gar nicht drückend. Es wehte schwacher Nordwind, aber er kam doch direkt aus der in der Sonne glühenden Steppe, und die Zeltbahnen waren mit so weiten Stichen zusammengenäht, daß die Sonne auf dem Boden allerhand Lichtstreifen zog. Auch mußte die dunkelbraune oder eher schwarze Farbe die Wärme anziehen. Und doch ist in diesen heißen Gegenden kein Schatten wohltuender als der im Zelt der Araber. In den Löchern der Hans oder den unterirdischen Särdab ist der Schatten dichter und die Zahl der Wärmegrade etwas niedriger, aber die eingeschlossene, unbewegte Luft sehr drückend. Die schwarzen Zelte dagegen sind nach allen Seiten hin offen, die Luft kann beständig wechseln, kein frischer Hauch geht verloren, und Licht und freie Aussicht nach allen Seiten geben dazu ein Gefühl der Freiheit, das man in geschlossenen Räumen sehr entbehrt.