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GRÖSSERES BILD
In zweieinhalb Stunden erreichten wir den Ort Charnine am Fuße einiger Hügel. Hier machten wir für heute halt, um unsere Begleitung zu erwarten. Der neuen Karawanserei auf einer steilen Anhöhe, wo gerade eine mit Getreide beladene Rinderkarawane einzog und ein „Seraiban“, ein Aufseher, mit vier Wachtposten sich einquartiert hatte, statteten wir nur einen Besuch ab. Für unsere Tagesruhe wählten wir den alten Han, eine malerische Ruine mit bedenklich brüchigen Gewölben und Mauern. In seinem Außenschatten ließen wir uns nieder, brieten die heutige Jagdbeute und vertrieben uns die Zeit mit Unterhaltung, Lektüre, Rauchen und Streifereien in die Umgebung. Im Laufe des Nachmittags kam Professor Reich in seinem aus Bagdad stammenden, gelb angestrichenen Deckwagen, der wie eine Postkutsche aus der Zeit Napoleons aussah, umsomehr als an seiner Rückseite ein großes N prangte. Einige Stunden später fanden sich auch Schölvinck und Busse ein und dann die ganze Kolonne. Auf dem hohen Ufer eines 10 Meter breiten und 3 Meter tiefen abgeschnürten Tigrisarmes, der von allen Seiten durch frisch sprudelnde Quellen gespeist wurde und reich an Fischen, Schildkröten und Fröschen war, fuhren die Wagen zu einem reizenden Lager auf. Ringsum wimmelte es von Steppenhühnern. Als wir uns nach einem erfrischenden Bad beim flackernden Feuer versammelten, umsummten Myriaden Insekten die Lichter auf unsern Tischen. Auch eine große häßliche Tarantel kletterte auf einen unserer Zeltstühle und mußte ihre Kühnheit mit dem Tode büßen. Die Mannschaft tötete noch vier dieser giftigen Riesenspinnen. Im übrigen dokterten wir lange an einem Pferd und einem Maulesel herum, mit denen es nach den Anstrengungen des Tages zu Ende ging.
Araber vom Albu Segar-Stamm.
Am andern Morgen zogen wir in nordwestlicher Richtung weiter, der Herzog und Busse zu Pferde, Schölvinck und ich im Auto. Rechts erhob sich die Bergkette des Dschebel Makhul, links dehnte sich die lautlose, jetzt fast völlig einsame Steppe. Da erschien am Nordrand des Horizonts eine Reihe schwarzer Punkte, etwa dreihundert Kamele, die unbelastet südwärts wanderten. Während in Zentralasien die Karawanen in langen Reihen hintereinander marschieren, läßt man sie in Mesopotamien gewöhnlich neben der Straße in breiter Herde über die Steppe gehen, damit sie nicht andere Karawanen behindern. Wir hielten und machten einige photographische Aufnahmen von den ruhig und würdig vorbeischreitenden Tieren, die unser Auto ganz ohne Scheu mit offenbarem Interesse betrachteten. Die Besitzer der Karawane, wohlhabende Kaufleute, kamen auf grauen Stuten hinterher geritten.
Als wir eine kurze Strecke weiter gefahren waren, wurde eine unzählige Masse solcher schwarzen Punkte vor uns sichtbar. Bald hatten wir sie eingeholt. Diesmal war es ein ganzer Araberstamm namens Albu Segar, der in der Umgebung von Mosul neue Weideplätze aufsuchte. Ein graubärtiger Alter berichtete uns, das heutige Ziel sei ein niedriger Hügel rechts der Straße, und da wir den Unsern weit voraus waren, schlossen wir uns den Nomaden an, um eine Lagerung großen Stils mitzumachen.
Phot.: Schölvinck.
Hier wie in Tibet bestimmen Weide, Wasser und Jahreszeiten die Wanderungen der Nomaden. Jetzt trieb die große Hitze die Albu Segar-Araber nordwärts; im Herbst wanderten sie wieder den Tigris hinunter. Wo sich ergiebige Weide fand, machten sie einen oder mehrere Tage Rast oder unternahmen wohl auch einen Abstecher westlich in die Steppe hinein.
Ein prächtiges Bild, wie die Herrscher der Wüste durch ihr angestammtes Reich zogen, das sie nur mit wilden Tieren teilten und in dem sie jede Quelle und jeden Weideplatz seit den Tagen ihrer Urväter kannten. Kamele, Pferde und Esel trugen ihre bewegliche Habe, Männer und Knaben, teils beritten, trieben die Lasttiere an. Auf hohen gelben oder weißen Dromedaren ritten die vornehmen Frauen; sie saßen tiefverschleiert in einer Art Vogelbauer, das durch Vorhänge geschlossen werden konnte, jetzt aber geöffnet war; einige hatten ihre kleinen Kinder bei sich. Andere Frauen ritten nach Männerart auf Pferden. Die armen Leute mußten zu Fuß gehen. Gewaltige Schafherden überschwemmten in mehreren Abteilungen die Steppe.