Mittlerweie hatte sich auf den zwei engen Höfen, die unsern Troß beherbergten, das malerisch bunte Durcheinander einer Karawanserei entwickelt. Unser wertvollstes Gepäck war in einem stockfinstern Loch geborgen, vor dem Schölvincks Diener Gustav Wache hielt, während die Ordonnanz des Herzogs und sein afrikanischer Diener Schmitt unter Konsul Schünemanns Oberaufsicht die Kutscher und Burschen befehligten. Der schwarze Koch aus Togo wirtschaftete eifrig an seinen Töpfen, während sich sein Landsmann mit Gläsern und Tellern, Messern und Gabeln zwischen arabischen Stallknechten und Hufschmieden hindurchschlängelte, die unsere Pferde fütterten oder beschlugen. Auf der Terrasse an der einen Hofseite saßen etliche Perser, Filzmützen auf dem Kopfe und gewundene Locken an den Ohren, um einen glühenden Mangal herum und stopften mit einer Feuerzange Holzkohlen in den Samowar, aus dem unsere Teegläser gefüllt wurden. Ein Tekriter Bäcker kam mit einem Sack voll Brot hereingestürmt, und Frauen brachten in Holzkummen Milch und Joghurt. Die Flammen unserer Tischlampe und des Lagerfeuers, an dem für uns und die Mannschaft das Abendessen bereitet wurde, warfen unruhige Schatten in das so schon lebendige Bild, und wir freuten uns, beizeiten auf dem Stalldach, wo unsere Betten standen, dem Lärm dieses Feldlagerlebens entrückt zu sein.
Phot.: Schölvinck.
Um 3 Uhr morgens, als das Dunkel der Nacht noch auf der Steppe lag, erwachte die Unruhe des Abends bereits wieder. Deutsche und Türken, Araber und Tataren drängten sich durcheinander, um die Karawane zum zeitigen Aufbruch fertig zu machen. Deichseln knarrten, Geschirre rasselten, Pferde und Maulesel wieherten in der frischen Morgenluft. Während wir frühstückten, wurden die Packwagen beladen, Kisten und Kasten mit Riemen festgemacht, und sowie ein Wagen fertig war, fuhr er auf die Straße hinaus. Dort ordnete sich die Kolonne.
Diesmal nahm ich im Automobil des Herzogs Platz. Am Steuer saß derselbe Chauffeur Laube, der uns bei meinem Besuch an der Westfront von Bapaume nach Metz begleitet hatte. Die Straße — wie meist in Asien eine Menge parallel laufender Fußwege — war so glatt, daß man bequem 40 Kilometer in der Stunde fahren konnte. Schwierigkeiten machten nur hin und wieder einige höchstens 10 Meter tiefe Wadis durch die Steilheit ihrer Abhänge. Die Landschaft war ziemlich die gleiche wie am Tage vorher. Nur war die Steppe dichter mit einem Rasen bedeckt, den die Heuschrecken verschmähen; diese fanden sich daher nur bei Tierkadavern. Um so häufiger waren die Steppenhühner, die dicht vor unserm heransausenden Auto in Wolken aufstiegen, mit ihren kurzen pfeifenden Flügelschlägen uns umschwirrten und sich bald wieder niederfallen ließen. Wenn wir anhielten, hörten wir das Gackern der Hennen, die um ihre Küchlein bangten. Mit sicherer Hand erlegte der Herzog neunzehn Hühner, die eine willkommene Abwechslung unserer Speisenkarte waren, uns aber auch in den Verdacht der Straßenräuberei brachten. Denn eben als der Herzog schoß, kam eine unbeladene Kamelkarawane des Weges; sogleich begannen auch deren Leute zu schießen, um uns zu zeigen, daß sie nicht unbewaffnet seien. Als sie dann sahen, daß wir friedliche Europäer waren, kamen sie herangeritten und grüßten „Marhabba“. Auch graue Antilopen mit weißem Bug zeigten sich in kleinen Herden; aber ihnen war nicht beizukommen; ehe man sich zum Schuß fertig machen konnte, waren sie verschwunden.
Begegnung mit einer großen Kamelkarawane.
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GRÖSSERES BILD
Phot.: Schölvinck.