Wir ritten auch in die kleine Stadt hinein, um uns wenigstens eine Vorstellung von der Lage der beiden Heiligtümer zu verschaffen und sie von außen zu betrachten. Man bewachte uns dabei scharf, damit wir nicht etwa das verbotene Gebiet betraten. Wir konnten daher nur von der Schwelle aus einen Blick in den Hof des Mausoleums werfen und kehrten dann durch die ärmlichen Basare und das Stadttor, das in einer hohen, von einer indischen Prinzessin zum Schutz gegen raubgierige Beduinen errichteten Mauer liegt, zu unserm Lager am Bahnhofsgebäude zurück.
Phot.: Schölvinck.
Neunzehntes Kapitel.
Die Karawane des Herzogs.
Am andern Morgen verließen wir schon vor Sonnenaufgang Samarra, um baldmöglichst Tekrit zu erreichen, wo der größte Teil der Karawane des Herzogs auf uns wartete. Von den neun Wagen der Kolonne waren vier bei uns, zwei Droschken, ein Jaile und ein Kerbelawagen. Die beiden letzteren waren trotz ihrer Gebrechlichkeit mit Gepäck so schwer befrachtet, daß ich ihnen keine lange Laufbahn prophezeite. Doch ging bis Tekrit noch alles gut ab, denn die Straße dorthin war so eben, als wäre sie asphaltiert, obgleich man von einer wirklichen Straße eigentlich gar nichts sah; der gelbgraue, dürre und harte Alluviallehm des Bodens erlaubte zu fahren wie man wollte. So waren hier einst die Heere des Altertums vorgerückt. Jetzt ging die türkische Etappenstraße hier durch. Aber nur wer von Bagdad nach Mosul wollte, kam dieses Weges; in umgekehrter Richtung benutzte man besser eines der Tigrisflöße bis Samarra.
Den ganzen Tag über war der Tigris oder doch sein dunkler Vegetationsgürtel in Sehweite. Schaf-, Ziegen- und Rinderherden weideten auf der Steppe; hin und wieder kam ein Bauer mit einem Esel daher; sonst bildeten nur Steppenhühner (Keklik auf Türkisch) und Heuschrecken die Staffage. In ungeheuern Massen pickten die ersteren zu beiden Seiten der Straße, in mächtigen Wolken flogen sie auf, wenn unsre Wagen sich nahten, waren aber sonst wenig scheu. Was sie fraßen und wovon auch die Herden der Nomaden lebten, war nicht recht einzusehen, denn das kurze Steppengras war von der Sonne völlig gedörrt und obendrein von Heuschrecken verdorben. Auch bei diesen war Schmalhans Küchenmeister; mit um so größerer Gier warfen sie sich auf den Pferdemist, und wo sie gar den Kadaver eines Zugtiers fanden, fraßen sie sich buchstäblich zu Tode. Die gefallenen Tiere sah man nicht vor lauter Heuschrecken, und die Kadaver umgab jedesmal ein Wall toter oder sterbender Fresser, die mit aufgeschwollenen Körpern dalagen und die Luft noch mehr verpesteten. Auch wir selbst konnten uns während der Fahrt der widerwärtigen Insekten kaum erwehren, klatschend flogen sie uns gegen Gesicht und Hände, und als wir nördlich von der Ruine Dur, wo unser Weg wieder unmittelbar an das Stromufer heranführte, die Pferde tränkten und ein Bad nahmen, wimmelte selbst das Wasser von diesen widerwärtigen Insekten; ganz wie auf dem Euphrat hatten sich auch hier ungeheure Massen verflogen, und unwiderstehlich riß der Strom sie mit sich, um irgendwo ihre Gebeine in seine neuen Ablagerungen einzubetten. —
Unsere beiden Droschken sollten den Gepäckwagen vorausfahren; die Kutscher aber hatten etwas von räuberischen Überfällen munkeln hören und offenbar vereinbart, sich gegenseitig nicht aus dem Gesicht zu verlieren, so daß wir alle zusammen an dem Gasthof in Tekrit vorfuhren, wo die übrige Reisegesellschaft bereits gestern ausgespannt hatte. Außerdem waren noch Oberarzt Professor Reich und Major Reit, beide auf dem Wege nach Deutschland, seit gestern hier eingekehrt.
Tekrit mit seinen engen, gewundenen Straßen, anspruchslosen Stein- und Lehmhütten und langen grauen Mauern liegt wie Hit auf einem Hügel, gesichert gegen alle Überschwemmungen. Mehrere Kaffeehäuser am Tigrisufer bieten eine prächtige Aussicht auf den Strom. Eines dieser Kavekhanes beherbergte englische Offiziere, die wegen Übermüdung oder Krankheit ausruhen mußten. Auch mein alter Freund Rybot war darunter, und Herzog Adolf Friedrich, Professor Reich und ich unterhielten uns einige Zeit mit den Gefangenen. Ihre Gefaßtheit im Unglück war bewundernswert; von Erregung über die Kriegsereignisse merkte man ihnen nichts an. Als ich daran erinnerte, daß der Herzog Gouverneur von Togo gewesen sei, das englische Truppen besetzt hätten, während er an der Westfront stand, meinten sie lächelnd, Togo werde natürlich wie alle Kolonien bei Friedensschluß zurückgegeben; die englische Presse, die allerdings eine andre Sprache führe, habe darüber glücklicherweise nicht zu bestimmen. Das vornehm zurückhaltende Wesen dieser Angelsachsen stand in so wohltuendem Gegensatz zu dem Ton englischer Zeitungen und so mancher Bankettreden englischer Staatsmänner, daß man sie kaum für Angehörige desselben Volkes hätte halten mögen.
Phot.: Schölvinck.