Die Privathäuser Samarras waren aus ungebrannten Lehmziegeln und einstöckig, hatten aber bis zu fünfzig Zimmer. Vornehme Gemächer waren geschmackvoll ausgestattet mit orientalischen Gipsornamenten, bei denen Herzfeld drei verschiedene Stilarten unterscheidet: die koptische, die irakische und die nordmesopotamische.

Kurde Selman Petto, 80 Jahre alt.

Bei dem Dorf Dur am Nordende von Samarra steht noch ein etwa ums Jahr 1000 erbautes, viertürmiges Mausoleum des Mohammed el-Duri, des ältesten Sohnes Musa al-Kasims. Al-Aschik ist der Name einer Burg und eines Mausoleums am rechten Tigrisufer, die nach Mutawakkils Zeit entstanden sind.

Die Kleinfunde aus Samarra, von denen Professor Sarre eine vorläufige Beschreibung gegeben hat, umfassen glasierte und unglasierte, bemalte und ornamentierte, ostasiatische und einheimische Keramik, Wand-, Glas- und Holzmalerei, Papyri, Teppiche, einige Gegenstände aus Metall und Münzen.

Der Kalif Mutawakkil fiel Ende 861 von der Hand seines Sohnes Mutasir, unter dessen Regierung die Auflösung des Reiches begann. Während der letzten zweiundzwanzig Jahre Samarras herrschten hier fünf Kalifen unter blutigen Fehden. Eine Provinz nach der andern fiel ab, und die türkischen Prätorianer wuchsen den Kalifen über den Kopf. Der letzte Kalif in Samarra verließ die Stadt im Jahre 883, zog erst ins südliche Irak und 891 nach Bagdad.

Samarra bestand also nur 45 Jahre (838–883) und verfiel dann schnell. Heute ist es eine kleine schiitische Stadt mit 2000 Einwohnern, einem türkischen Kaimakam, aber ohne Garnison.

Eine Forschungsreise, die Sarre und Herzfeld 1907/08 in Syrien und Mesopotamien unternahmen, gab Veranlassung zu den deutschen Ausgrabungen, die 1911 und 1912 stattfanden. Im Zusammenhang damit nahm der Hauptmann Ludloff vom Generalstab eine Karte des ganzen Gebiets im Maßstab 1 : 25000 auf. Die Ergebnisse der Ausgrabungen und der topographischen Arbeiten bestätigen in allen Punkten die Glaubwürdigkeit der arabischen Geschichtsschreiber Tabari und Baladhuri und die Genauigkeit der Schilderungen des Geographen Jakubi. Die Gottesdienste und Feste, Palastrevolutionen und Volksaufstände, die Triumphzüge und Hinrichtungen, Mordszenen und Begräbnisse, kurz alles, was die alten Chroniken berichten, kann nun wieder, wie Herzfeld sagt, auf seinen wirklichen Schauplatz verlegt werden.

Das heutige Samarra ist eines der großen schiitischen Wallfahrtsorte wie Nedschef, Kerbela, Kasimen und Meschhed in Persien, die alle den Europäern unzugänglich sind. Die schiitische Sekte entstand aus dem dritthalbjahrhundertlangen Streit der omaijadischen und abbassidischen Kalifen mit den Aliden, die direkt vom Propheten herstammen, ist also fast ebenso alt wie der Islam. Der Schiitismus ist die herrschende Religion in Persien und hat als Gegensatz zum arabischen Element politische Bedeutung. Alljährlich unternehmen etwa hunderttausend seiner Bekenner eine Pilgerfahrt nach den zwei Wallfahrtsstätten Samarras. Die eine ist das Mausoleum, unter dessen goldener Kuppel der zehnte und elfte Imam ruhen neben Alis Schwester, Gemahlin und Mutter. Dieses Heiligtum stammt aus neuerer Zeit. Die Kuppel wurde erst 1908 vollendet. Ihre Goldbekleidung, die schon aus weiter Ferne wie eine kleine Sonne leuchtet, ist, wie eine Inschrift über dem Tor verrät, ein Geschenk des Schahs Nasreddin von Persien und hat 30000 türkische Pfund, also über eine halbe Million Mark, gekostet.

Das andere Heiligtum mit einer blauen Fayencekuppel ist eine unterirdische Krypta, in der der zwölfte Imam, der Mahdi, der „Herrscher der Zeit“, der Messias der Schiiten, im Alter von vier Jahren verschwand. Sie wurde vom Kalifen Nasir im Jahre 1210 gebaut. Andere Teile des Heiligengrabs stammen aber aus neuerer Zeit.