[1] „Archäologische Reise im Euphrat- und Tigrisgebiet“ von F. Sarre und E. Herzfeld. Berlin, 1911. — „Erster vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen von Samarra“ von Ernst Herzfeld. Mit einem Vorwort von Friedrich Sarre. Berlin, 1912. — „Mitteilung über die Arbeiten der zweiten Kampagne von Samarra“ von Ernst Herzfeld, und: „Die Kleinfunde von Samarra und ihre Ergebnisse für das islamische Kunstgewerbe des 9. Jahrhunderts“ von Friedrich Sarre; beide in: „Der Islam“, herausgegeben von C. H. Becker, Band V, Heft 2–3. Straßburg 1914.

Als Harun er-Raschids Sohn, der Kalif al-Mutasimbillah, infolge der Zwistigkeiten zwischen seiner türkischen und asiatischen Leibwache und der arabischen Bevölkerung sich in Bagdad nicht mehr sicher fühlte, beschloß er im Jahre 836 n. Chr. eine andere Hauptstadt zu gründen. Dazu wählte er einen Platz 130 Kilometer nördlicher am linken Ufer des Tigris, wo vordem nur unbedeutende Dörfer und einige christliche Klöster gestanden hatten. Schon zwei Jahre später bezog er seine neue Residenz und nannte sie Surra man ra’a („Wer sie sieht, der freut sich“). Hier starb er im Jahre 842.

Unter seinem Sohn und Nachfolger, Harun al-Wathik (842–847), wuchs Samarra zu einer Weltstadt heran, die aus allen Teilen des unermeßlichen Reiches, das sich von China bis nach Marokko erstreckte, Bürger und Kaufleute in Massen anlockte. Der eigentliche Erbauer Samarras ist aber Mutasims zweiter Sohn, Dschafar al-Mutawakkil (847–861). Zwei Drittel des bisher freigelegten Trümmerfeldes, das sich in 2 Kilometer Breite 33 Kilometer weit den Tigris entlang erstreckt und die größte Ruinenstätte der Erde ist, stammen aus seiner Zeit. Das ganze bebaute Gebiet Samarras, von dem nur einige Hauptteile ausgegraben sind, umfaßte etwa 200 Quadratkilometer! Die Ringbahn von Berlin schließt nur 90 ein! Die von Mutawakkil erbauten Paläste kosteten 204 Millionen Dirhem (Franken). Auch die große Moschee, das riesige Schloß Balkuwara im Süden des Gebietes und die sogenannte Nordstadt oder al-Mutawakkilije sind sein Werk.

Die große Moschee wurde von 846–852 gebaut und kostete 15 Millionen Dirhem. Die Mauern und Teile der Türwölbungen im Mihrab, in der Gebetsnische, stehen noch heute. Das Ganze war ein Mauerviereck mit vier großen Hallen. In der Mitte des mit Ziegeln gepflasterten Hofes befand sich ein Springbrunnen in Form eines Monolithbeckens von vier Meter Durchmesser, der „die Tasse des Pharao“ hieß. Zahlreiche runde und achteckige Marmorsäulen, Kapitelle und Basen in Glockenform, Scherben von Glas und Gold in Mosaik, Freskomalereien, Stuckornamente, Holzschnitzereien, Öllampen, künstlerisch geformte Fenster und andre Überreste zeugen von der Pracht dieses Tempels. Malwije, das Minarett der Moschee, das sich auf einem Sockel von 32 Meter Seitenlänge erhebt, ist gewissermaßen ein Abkömmling des Turmes von Babel. Die ganze Grundfläche der Moschee betrug 250000 Quadratmeter; wenn der Kalif mit seinem Hofstaat hier seine Freitagsgebete verrichtete, konnten hunderttausend Andächtige bequem darin Platz finden!

Phot.: Schölvinck.

Der Palast des Kalifen umfaßte nicht weniger als 175 Hektar; 71 davon gehören zum Garten am Tigrisufer, der Pavillons, Hallen und große Wasserbecken umfaßte. Etwa 300 Arbeiter haben hier allein sieben Monate lang gegraben und 14000 Quadratmeter bloßgelegt; 32000 Kubikmeter Schutt wurden auf einer Feldbahn fortgeschafft. Große Teile des Palastgebietes ließen sich ohne völlige Ausgrabung bestimmen.

Phot.: Schölvinck.


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