Und doch waren jetzt Indiens stolze Herren keinen Deut mehr wert als ihre 300 Millionen Sklaven! Wer Indien kennt, kennt auch die Kluft, die dort zwischen Europäern und Weißen besteht. Durch seine Macht, seine Organisation, sein militärisches System („Militarismus“), seine überlegenen Waffen und sein herrisches Auftreten, nicht durch seine Intelligenz, hat England das große Indien zu unterjochen vermocht, hält es noch heute dessen Völker wie in einem Schraubstock. Der Engländer befiehlt, der Inder hat nur zu gehorchen; über 400 Millionen Mark jährlich müssen die Landeskinder für eine Armee zahlen, in der sie selbst niemals eine höhere Stelle bekleiden können und die nur zu ihrer Unterjochung da ist. Der frühere amerikanische Präsidentschaftskandidat Bryan hatte nur zu recht, als er kürzlich schrieb: „Verglichen mit dem Despotismus, der in Indien herrscht, ist der russische Zarismus ein Kinderspiel!“
Hier unter den Gefangenen waren sie nun alle gleich, und der eine konnte nicht mehr auf Kosten des andern üppig leben. Das erweckte in mir kein Mitleid. Ich beklagte aber die traurige Rolle, die der Christ jetzt in den Augen der Andersgläubigen spielte. Die Inder, mochten sie nun Hindus, Brahmanen, Buddhisten oder Mohammedaner sein, waren Zeugen der Erniedrigung ihrer früheren Herren, und soweit sie Mohammedaner waren, freuten sie sich wohl gar im Stillen, nicht mehr christlichen, sondern mohammedanischen Offizieren gehorchen zu müssen. Bei den Dardanellen und bei Kut-el-Amara waren die hochfahrenden Engländer von den Türken aufs Haupt geschlagen worden, und jetzt erfuhren sie von diesem Volk, dem sie während des Krieges stets mit Verachtung und Hohn begegnet waren, als Gefangene eine gute und rücksichtsvolle Behandlung! Hier waltete eine göttliche Nemesis, und es ist nun an den Engländern, daraus die nötige Lehre zu ziehen, die sie hoffentlich nicht mißverstehen werden. Auch die späteren Ereignisse in Mesopotamien haben an dem, was einmal geschehen ist, nichts ändern können. —
Am Ufer des Tigris lag eine endlose Reihe von Keleks. Das sind die berühmten Flöße, die aus einem Holzgerippe bestehen, das von einigen hundert mit Luft gefüllten Ziegenfellen getragen wird. Sie dienen als Frachtschiffe auf der Strecke von Mosul oder noch weiter flußaufwärts bis Samarra, von wo die Ladung mit der Eisenbahn nach Bagdad geht. In Samarra werden die Flöße auseinandergenommen, die Felle geöffnet und das zusammengepackte Material zu neuer Verwendung nach Mosul zurückbefördert.
Phot.: Schölvinck.
Auf uns wartete eine Guffa, die uns trotz des hohen Wellenganges halbwegs trocken am andern Ufer absetzte. Dort begann dann unsere Wanderung durch die Ruinen des alten Samarra, arabische Häuser mit schönen Einzelheiten, bis zu der gewaltigen Burg, in deren schattigen Gewölben wir vor der immer heißer brennenden Sonne Schutz fanden. Mittlerweile sandte uns der Platzkommandant einige Pferde, die uns zu der großen Moschee und dem mächtigen Turm ihres Minaretts brachten. Sein wendeltreppenartiger Aufgang war an mehreren Stellen eingestürzt, was die arabischen Pferdeburschen nicht hinderte, wie Katzen darauf herumzuklettern.
Phot.: Schölvinck.
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GRÖSSERES BILD
Die Zeit erlaubte uns nicht, dieser merkwürdigen alten Kalifenhauptstadt, die dank der Laune eines Herrschers gleichsam über Nacht emporwuchs, nach kaum fünfzig Jahren aber schon wieder verlassen wurde und verfiel, mehr als eine flüchtige Besichtigung zu widmen. Ich beschränke mich daher auf einige Andeutungen über die kurzlebige Geschichte der Stadt und verweise im übrigen auf die Schriften[1] der beiden deutschen Archäologen Professor Sarre und Dr. Herzfeld, die auf diesem Ruinenfeld mit so ausgezeichnetem Erfolge tätig gewesen sind.