Phot.: Schölvinck.

Am andern Morgen ordnete sich die Hauptabteilung der Karawane und brach unter Konsul Schünemanns Leitung, begleitet von den Ordonnanzen des Herzogs und meinem treuen Sale, direkt nach Tekrit auf. Wir übrigen wollten den Tag zur Besichtigung der alten Kalifenstadt Samarra verwenden, deren Ruinen auf dem linken Tigrisufer liegen.

Um 7 Uhr fuhren wir zum Strom hinunter und hielten an einem von einer Mauer umgebenen Hof, wo eine starke Abteilung englischer Gefangenen aus Kut-el-Amara lagerte; sie waren wie wir mit der Bahn von Bagdad gekommen, sammelten sich hier in dem ersten Gefangenendepot und sollten nun den langen Weg über Mosul und Nesibin nach Ras-el-Ain zu Fuß marschieren, um dann wieder mit der Bahn nach Konia und andern Städten Kleinasiens befördert zu werden.

Phot.: Schölvinck.


GRÖSSERES BILD

Aus der Schar der englischen Offiziere, die sich am Eingang aufhielt, trat uns ein katholischer irischer Priester entgegen, den ich schon bei den Dominikanerschwestern in Bagdad getroffen hatte, ein älterer vornehmer Mann mit kurzgeschorenem, weißem Haar; er hatte eine angenehme, mitteilsame Art und betrachtete den Ernst seiner Lage mit stoischer Ruhe und sogar mit Humor. Über die Behandlung und Verpflegung seitens der Türken hatte er nicht im geringsten zu klagen, und daß diese ihren Gefangenen keinen erstklassigen Rückzug gewähren konnten, sah er vollkommen ein. Daß viele seiner Leidensgefährten auf dem Marsch von Kut-el-Amara nach Bagdad gestorben waren, schrieb er vor allem dem Mangel zu, der während der Belagerung geherrscht hatte. Aber er fürchtete sehr, daß manche englische Soldaten, die bereits kränkelten, der Anstrengung des Marsches bis Ras-el-Ain nicht gewachsen sein würden. Je zwei mußten ihr Gepäck auf einem Esel verteilen; dieses mußte daher auf das Allernotwendigste beschränkt werden.

Die meisten Offiziere lagen auf Decken und Mänteln am Boden, einige saßen auf kleinen Lederkoffern und rauchten Pfeife. Dieser las in einem Buche, jener schlief, das Taschentuch über das Gesicht gebreitet; ein dritter nähte sich einen Knopf an seinen Khakirock, während sich sein Kamerad das Rasiermesser schliff. Die in unserer Nähe lauschten unserm Gespräch mit dem Priester. Einer von ihnen war Arzt und sorgte für die Kranken, die unter einem provisorischen Schutzdach ruhten. Auf dem Hof saßen die indischen Diener der Ordonnanzen der Engländer um ein kleines Feuer herum, brieten Fische oder kochten Tee und Eier für ihre Herren. An der Mauer lagen indische Unteroffiziere in malerischen Gruppen.

Bei flüchtigem Zusehen hätte man glauben können, alle diese Männer könnten sich nicht mehr auf den Beinen halten; in Wirklichkeit waren sie, mit wenigen Ausnahmen, in bester Verfassung. Sie hatten nur eben nichts anderes zu tun, als sich hinzulegen und in den Himmel zu sehen. Besonders die Engländer waren kräftige, abgehärtete Männer mit wettergebräunten Gesichtern. Sie trugen ihr Geschick mit Gleichmut und sogen an ihren Pfeifen mit einer Ruhe, als ob sie zur Sommerfrische in Schottland wären.