Diese Fahrt auf den mit Mänteln und Kissen notdürftig gepolsterten Holzbänken des hochrädrigen Marterkastens, dessen Federung auf ein volles Haus mit Sack und Pack berechnet war, mit uns dreien aber Ball spielte, wird uns wohl allen unvergeßlich sein. Wir saßen im Zickzack, um Raum für die Beine zu haben, und wechselten von Zeit zu Zeit unsere Plätze, um nicht immer auf derselben Stelle gestoßen und geschunden zu werden. An Unterhaltung war nicht zu denken, denn bei dem erbitterten Gerassel des trockenen Holzwagens, dem klappernden Getrappel der Pferdehufe auf dem ebenso trocknen wie harten Wege, der lange Strecken glatt wie Asphalt, dann wieder durch Reste von Kanaldämmen kaum fahrbar war, konnte man sich höchstens durch lautes Schreien verständigen. Nur Freund Schölvinck brachte es fertig, in diesem betäubenden Lärm regelrecht einzunicken, bis plötzlich sein großer Tropenhelm rasselnd vom Kopfe rutschte und er zu der beiden Zuschauer Belustigung jäh aus dem Schlaf aufschreckte. Dazu die unendliche Einsamkeit und die todbleiche Beleuchtung, als der Mond am Himmel stand. Beim Aufgang war er, infolge der durch Dunst und Staub getrübten Atmosphäre, dunkelgelbrot, fast hagebuttenfarbig, und zeigte eine merkwürdige elliptische Form, deren Längsachse dem Horizont parallel lief. Als er dann langsam emporstieg, brannte sein Licht immer klarer und beleuchtete schließlich wie ein Scheinwerfer die Kulissen des Weges: hier und da einen dürren Hügel, einen alten Kanaldamm vielleicht noch aus der Kalifenzeit, die graue Steppe und ab und zu einige Reisende, die mit Pferden, Eseln oder einer stolz einherschreitenden Kamelkarawane aus der Mondscheindämmerung auftauchten und wie Schatten vorüberzogen.
Rittmeister Schölvinck.
Gegen ½4 Uhr zeigte sich endlich ein schwaches Leuchten am östlichen Horizont und ward allmählich heller. Als wir eben über die Brücke von Cher fuhren, sprühte der Horizont in Blitzen, und die Ebene loderte empor wie in einem Steppenbrand. Alles ringsum bekam Farbe, und die Strahlen der siegreich aufgehenden Sonne spielten auf den vergoldeten Kuppeln und Gebetstürmen von Kasimen. Die Grabmoschee stand in der weiten Wüste wie ein Märchenschloß aus schimmerndem Gold, und im satten Grün ihrer Palmen lag wieder die Stadt der Kalifen vor uns.
Bagdad prangte in vollem Flaggenschmuck, als wir ankamen. Der türkische Kriegsminister Enver Pascha wurde erwartet. Er kam wie ein Wirbelwind, von Kanonendonner begrüßt, und fuhr sogleich nach Kut-el-Amara weiter. Dann reiste er nach Chanikin und war am 25. Mai wieder in Bagdad, wo ich ihm im alten Hause des Feldmarschalls von der Goltz, das jetzt von seinem Nachfolger Halil Pascha bewohnt wurde, einen Besuch abstattete. Bald darauf reiste er mit seinem Stabschef, dem General Bronsart von Schellendorf, nach Samarra.
Auch meine Tage in Bagdad waren gezählt. Mein nächstes Reiseziel war Mosul mit den Ruinen von Ninive, und mit gewohnter Liebenswürdigkeit forderte mich der Herzog auf, mich seiner Karawane anzuschließen, die den gleichen Weg nehmen sollte. Da alles, was Fuhrwerk und Pferd hieß, militärisch beschlagnahmt war, erleichterte mir dieser glückliche Umstand meine Weiterreise ungemein.
Am 1. Juni brachen wir auf. Ein Belem setzte uns über den Tigris, und am Bahnhof verabschiedeten wir uns von den zahlreichen deutschen, türkischen und schwedischen Freunden, die sich dort versammelt hatten, von General Gleich und den Majoren Kiesling und Molière, von Dr. Hesse und Konsul Richarz, der am nächsten Tag auf „Sommerfrische“ in sein Särdab hinunterzuziehen gedachte. Dann brachte uns ein Salonwagen zunächst nach Kasimen, wo Halil Pascha, der neue Wali und der syrische Erzbischof von Bagdad den Herzog noch einmal begrüßten, und abends um 10 Uhr langten wir in Samarra an. Soweit war die Bagdadbahn fertig, als der Ausbruch des Krieges ihren Weiterbau unterbrach. Hier wurden unsre Pferde, Maulesel und Wagen ausgeladen, dazu das gewaltige Gepäck, und auf dem Hofe des Stationsgebäudes der Abendbrottisch gedeckt, um den wir uns zu fünf Mann versammelten: Herzog Adolf Friedrich, Rittmeister Schölvinck, Rittmeister Busse, der ehemalige Adjutant des Feldmarschalls, Konsul Schünemann aus Täbris und ich. Auf dem Dach des Bahnhofsgebäudes standen unsere Betten, und über Nacht wehte ein so herrlicher Nordwind, daß das Mückennetz überflüssig war und man zum Laken sogar noch einen Mantel brauchte. Auch über Tag hatten wir nicht über allzu große Hitze zu klagen gehabt und uns bei 33 Grad am Nachmittag wie in Mitteleuropa zur Sommerszeit gefühlt.
Der neue Wali von Bagdad. Der Herzog spricht mit Halil Pascha.
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