Phot.: Schölvinck.


GRÖSSERES BILD

Neben zahlreichen unentbehrlichen Werken über Architektur, Ornamentik und Kunstgeschichte standen sogar astronomische Handbücher, denn die Babylonier waren in der Sternkunde sehr erfahren. Und der Fachwerke über Koldeweys eigene Wissenschaft, die er selbst in so hohem Grade gefördert hat, war kein Ende. Den größten Teil seines einsamen Eremitenlebens verbrachte aber Koldewey nicht in dieser seiner Klause, sondern draußen unter den Ruinen, in der unmittelbaren Gesellschaft der alten Babylonier. Die Wogen des Weltkrieges hatten seine Einsamkeit bis dahin nur ein einziges Mal erreicht. Jetzt hörte er kaum noch das Echo der fernen Schlachten. Im März 1917 aber mußte er Babylon zum zweiten Male verlassen, noch rechtzeitig, ehe Bagdad von den Engländern erobert wurde.

Damit ist die Inventaraufnahme dieser deutschen Studierstube am Ufer des Euphrat noch nicht abgeschlossen. Ein Regal in einer dunklen Ecke war angefüllt mit photographischen Apparaten, Blechbüchsen, Pappkasten mit photographischen Platten und Filmkapseln. Hier stand ein Stoß Mappen mit Zeichnungen von Gebäuden und Mauern, dort lehnten sich Reißbretter und Winkel malerisch an Pantoffel und Schnürstiefel, die auf dem Wege zur Vernichtung verschieden weit vorgeschritten waren. Teppiche waren früher einmal in Gebrauch, jetzt standen sie zusammengerollt in einer Ecke. Mehrere gewaltige, eisenbeschlagene Kisten enthielten die größte Kostbarkeit des Hauses: Manuskripte und Tagebücher, Photographien und Pläne. Falls unvorhergesehene Ereignisse zu schneller Flucht zwingen sollten, stand alles bereit, was in erster Linie mitgenommen werden mußte.

Gewiß hatte keine ordnende Hand das Zimmer Koldeweys berührt, seit die arabischen Plünderer darin aufgeräumt hatten. Inmitten des Wirrwarrs stand das Bett, ebenso verstaubt wie alles andre. Hier hatte der Gelehrte drei Monate lang an Fieber darniedergelegen; jetzt war er Rekonvaleszent. Einen Arzt brauchte er nicht! Er hatte ja seine medizinischen Handbücher, und kein Arzt in der ganzen Welt kannte Babylons Klima so gründlich wie er, und keiner sicherlich war mit den Gebrechen seines Körpers vertrauter als er selbst. Ihm war diese Atmosphäre, die ihn umgab, ein Lebensbedürfnis, und in dieser Einsamkeit fühlte er sich unendlich wohl. Er hätte ja ebenso gut nach Hause reisen und andern die Bewachung der Ruinen überlassen können. Aber nein, er wollte nirgends anders als eben in Babylon wohnen!

So lebte und arbeitete der berühmte Forscher, und seine systematischen Ausgrabungen hatten nun eins der alten Gebäude nach dem andern ans Tageslicht gebracht. Wenn aber endlich die Grabungen abgeschlossen sind, und die Gelehrten ihrer Wege ziehen, dann bricht das letzte Stadium der Zerstörung an. Dann beginnt aufs neue der Ziegelraub, dann suchen die beutegierigen Araber wieder nach verborgenen Schätzen, dann nagt wieder die Verwitterung an den Ruinen, und Wind und Wetter treiben hier wieder ihr Spiel. Dann schlagen die Wogen des Wüstenmeers zum letzten Male über Babylon zusammen, und neue Jahrtausende ziehen über die öden Hügel.

Kerbelawagen.

Achtzehntes Kapitel.
Samarra, die Hauptstadt des Kalifen Mutawakkil.

Fast übersättigt mit Eindrücken überwältigender Art verließ ich am Abend des 18. Mais Babylon. Ein vierspänniger Kerbelawagen, die Postkutsche zwischen Bagdad und Hille, die besonders von persischen Pilgern nach Kerbela und Nedschef benutzt wird, brachte uns, den Herzog, Rittmeister Schölvinck und mich, in zehnstündiger nächtlicher Fahrt nach Bagdad zurück.