In Assur ging es uns nicht so gut wie in Babylon, wo uns der beste aller Führer zur Seite war. Hier mußten wir uns damit begnügen, aufs Geratewohl über Schutthügel und Fundamente von Palastmauern zu wandern, in der glühenden Sonnenhitze die tiefen Suchgräben und Schächte zu durchklettern, die das Ruinenfeld rechtwinklig durchqueren, und hier und da im Schatten einer Marmorplatte oder eines unterirdischen Gewölbes auszuruhen. Wir fanden auch den großen, zerschlagenen Steinsarkophag, den die deutschen Archäologen mit unendlicher Geduld wieder zusammengefügt haben. Die Ausgrabungen begannen mit Erlaubnis der türkischen Regierung und unter Leitung der Deutschen Orient-Gesellschaft im September 1903 und wurden bis zum Ausbruch des Weltkriegs fortgesetzt. Ihre Ergebnisse gliedern sich in fünf Gruppen: A) Baudenkmäler aus assyrischer Zeit; B) Einzelfunde aus assyrischer Zeit; C) Denkmäler aus parthischer Zeit; D) Verschiedenes; E) Die Inschriften von Assur. Bisher sind vier Foliobände der Gruppe A erschienen; daraus kann man sich eine Vorstellung von dem Umfang eines Werkes machen, das nur die Schilderung einer einzigen Stadt enthält. Aber diese Schilderung muß in Zukunft die Ruinen ersetzen, denn diese sind, wie mir Professor Andrae schon in Bagdad sagte, durch die Ausgrabungen zerstört worden. Ohne letztere hätte jedoch die wissenschaftliche Forschung niemals die Stadt erobern können, die dem assyrischen Reich seinen Namen gegeben hat.

Nach meiner Heimkehr versuchte ich, in die Folianten von Professor Andraes grundlegendem Werk „Der Anu-Adad-Tempel in Assur“ (Leipzig, 1909) einzudringen. Assyrische Tempelbauten waren vordem wenig bekannt, und man ersehnte seit langem die Gelegenheit, über die sargonischen, also jungassyrischen Tempel in Chorsabad (etwa 720 v. Chr.) hinaus ältere Denkmäler dieser Art zu erforschen, um Material zum Vergleich mit den besser bekannten babylonischen und den umstrittenen salomonischen Tempelbauten zu gewinnen. Der Anu-Adad-Tempel am Nordtor der Stadt Assur zwischen dem Palast Assurnasirpals im Osten und dem „neuen Palast“ Tukulti-Ninibs im Westen erfüllte diesen Wunsch.

Anu und Adad sind zwei Götter, Anu der Himmelsgott und Gottvater, Adad „sein tapferer Sohn“, der Gott des Blitzes und des Wetters. Die Ruinen ihres Tempels zeigen zwei typisch assyrische Heiligtümer; das ältere wurde Ende des 12. Jahrhunderts von Assurrisisi begonnen und von Tiglat-Pileser I. vollendet; das jüngere baute Salmanassar auf den geschleiften Mauern des alten in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts.

Beide Tempel bezeichnen zwei verschiedene Bauperioden, die in Einzelheiten sehr voneinander abwichen, im Hauptplan aber miteinander übereinstimmten: die eigentlichen Tempelräume lagen jedesmal zwischen zwei mächtigen Türmen (Zikkuraten) nebeneinander, ihre Tore gingen nach Südosten, und davor war ein Hof, den allerhand Seitengebäude umgaben.

Von dem älteren Tempel ist nur der Unterbau erhalten, bis zu fünf Meter hohe, dicke Mauerteile aus steinharten Ziegeln von gelbem Lehm. Sie stehen auf felsigem Grund, der durch Erdfüllung geebnet worden ist. Die Reste genügen, um den Grundriß mit größter Sicherheit zu bestimmen. Rätselhaft ist nur der Überbau mit den Toren und Türen. Auch Inschriften des Erbauers fand man an Ort und Stelle; eine von ihnen lautet: „Assurrisisi, Priester des Gottes Assur, Sohn des Mutakkilnusku, des Priesters des Gottes von Assur, des Sohnes von Assurdan, dem Priester des Gottes Assur, Erbauer des Tempels Adads und des Gottes Anu“.

Der Hof ist 50,5 Meter breit und 28 Meter tief. Seine Mitte nahm ein Brunnen ein. Die geringfügigen Reste der umliegenden Gebäude mit ihren Zimmern und Gängen geben viele Rätsel auf. Wer Assurs jetzige Schuttlabyrinthe gesehen hat, muß aufs Höchste den Scharfsinn bewundern, der diese Tempel und Mauern rekonstruiert und sogar Detailzeichnungen von ihnen entworfen hat.

Der Grundriß der beiden Türme ist quadratisch, ihre Seitenlänge 36 Meter. Aber wie sahen sie selbst aus? Konnte man sie besteigen und wie? Ein Vorbild aus assyrischer Zeit bietet der Tempelturm von Chorsabad, um den sich eine einfache Rampe zur Spitze emporwindet. Wahrscheinlich waren auch die beiden Türme des Anu-Adad-Tempels massiv wie alle bekannten Zikkurate. Andrae vermutet, daß ihre Höhe etwa 50 Meter betrug, und daß ein fünf Meter breiter, langsam ansteigender Weg vom Hof aus hinaufführte. Baudokumente auf Ziegeln und Terrakottaprismen nennen Tiglat-Pileser I. als Vollender dieses Tempelbaues. Die im Jahre 1852 von Rassam und Layard gefundenen, heute im Britischen Museum befindlichen berühmten Prismen, deren achthundert Textzeilen die Regierungstaten Tiglat-Pilesers verewigen, verschweigen, daß sein Vater Assurrisisi, wie Andrae nachweisen konnte, den Grundstein zu dem Tempel gelegt hat.

Rekonstruktion des Tempels des Assurrisisi (nach Andrae).


GRÖSSERES BILD