Rekonstruktion des Tempels Salmanassars II. (nach Andrae).
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GRÖSSERES BILD
Von dem jüngeren Tempel ist fast die ganze Nordseite verschwunden, von andern Teilen aber sogar der Überbau erhalten. Zweihundertundfünfzig Jahre nach Tiglat-Pileser I. ließ Salmanassar II. die jedenfalls noch bedeutenden Reste des alten Tempels bis auf fünf Meter über dem Felsengrund abtragen und errichtete nun auf diesem eingeebneten Grund den Neubau, der an Umfang kleiner, aber noch immer sehr groß war. Eine hier gefundene Urkunde berichtet, das Dach habe aus Zedernholzbalken bestanden; eine andere ist in Basalt eingehauen und lautet: „Salmanassar, der mächtige König, der König des Alls, der König des Landes Assur, der Sohn Assurnasirpals, des Königs des Landes Assur, des Sohnes von Tukulti Ninib, dem Könige des Landes Assur, der Erbauer des Tempels des Gottes Anu, des Tempels des Gottes Adad“.
Salmanassars Brunnen auf dem Hofe ist von einer Ringmauer umgeben und bis zum Grundwasser 29,5 Meter tief. Unter den Tempelmauern fand man Beile und Schwerter, die wahrscheinlich symbolische Bedeutung hatten. Nach dem goldenen Blitz zu urteilen, den Adad in der Hand hielt, müssen die Götterbilder prächtig ausgestattet gewesen sein.
Phot.: Andrae.
Neun Jahre verwandten Andrae und seine Mitarbeiter auf die Freilegung der Festungswerke Assurs (vgl. „Die Festungswerke von Assur“ von Walter Andrae. 2 Bde., 1913), denn ihre Bestimmung war nicht nur wichtig für die Erkenntnis der ganzen Stadtanlage, für Ermittlung ihrer Zugänge und zugleich des Verlaufs der wichtigsten Handelsstraßen, sondern auch für die Geschichte der Befestigungskunde überhaupt, da man assyrische Festungen bis dahin nur ungenügend kannte. Die Arbeit war um so schwerer, als die Mauern am Rande des Stadthügels naturgemäß am meisten der Vernichtung ausgesetzt waren, und obendrein der Tigris den größten Teil der Ostfront zerstört hatte.
Assur liegt auf der Spitze eines Ausläufers der Chanukekette, und der Platz war für eine Festung wie geschaffen. Im Osten bespülte ihn der schnellfließende, das ganze Jahr über tiefe Tigris, ein Angriff von dort war also unmöglich. Im Norden fiel der Fels (weicher Sandstein und Kieselkonglomerat) jäh nach einem Stromarm ab, der trefflich als Festungsgraben diente. Am Rande dieses noch erkennbaren Flußbettes hatten wir unser Lager aufgeschlagen. Vor der Westfront erleichterten zwei kleine Täler die Anlage von Gräben, die nur da zugeschüttet waren, wo Straßen zu den Toren führten. Im Süden war eine Geländesenkung. Der einzige Nachteil war, daß man von dem Hügelplateau im Westen aus in die Stadt hineinsehen konnte. Deshalb baute man die Westmauer am höchsten.
Das Alter der Festungsbauten Assurs ist sehr verschieden. Andrae unterscheidet die archaische Zeit bis zur Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends, die altassyrische bis Ende des 2. Jahrtausends, die jungassyrische vom Anfang des 1. Jahrtausends bis Sargon, die spätassyrische unter Sargon und den Sargoniten bis zur Zerstörung des assyrischen Reiches im Jahre 606 v. Chr., die nachassyrische der Wiedereinwanderung unter den Neubabyloniern und Cyrus (6. Jahrhundert) und die parthische Zeit, die ersten zwei Jahrhunderte vor und nach Christus.