Mein Diener Sale hatte beim Tanz das Kommando übernommen. Er hieß nun die Tänzer sich in großem Kreise niederhocken, und in die Mitte des freien Platzes traten zwei Solotänzer, die sich in einer Art Bauchtanz, nicht eben schön anzusehen, aufeinanderzu bewegten. Der eine stellte den Verfolger dar, der andere den Verfolgten. So jagten sie sich mehrmals im Kreise herum, und die Zuschauer verfolgten die Pantomime mit größter Aufmerksamkeit und mit taktmäßigem Händeklatschen. Als schließlich der eine Tänzer den andern einholte und sich über ihn warf, brach allgemeiner Jubel los.

Die nächste Programmnummer war der Schwertertanz, wobei die Klingen dumpf aufeinander rasselten. Auch dieses Spiel endete damit, daß einer den andern übermannte; der Sieger setzte einen Fuß auf den Besiegten und die Spitze des Schwertes auf seine Brust. Hinter dem Kreis der Sitzenden hatten sich dichte Reihen stehender Zuschauer gesammelt, und in diesem Rahmen gewann das Schauspiel noch an Ursprünglichkeit und phantastischem Reiz.

Am nächsten Morgen verließen wir die Nomaden. Als wir unsere Straße erreicht hatten, war schon wieder ein Lastwagen in Stücke gegangen. Von links trat nun ein Ausläufer der großen Kalksteinplatte Mesopotamiens an den Tigris heran und fiel steil zum Wasser ab. Die Straße wand sich daher auf das Plateau hinauf, dessen harter, ebener Boden unsern Pferden eine willkommene Erleichterung brachte. Dann aber zwang uns ein Wadi mit einem rieselnden Salzwasserbach, wieder in das Flachland zurückzukehren, wo große Schaf-, Ziegen- und Rinderherden weideten und ausgedehnte Zeltlager den blauen und weißen Rauch ihrer Feuer in die Morgenluft emporsandten. Wieder stieg die Straße an. Wir kreuzten einen Zug Heuschrecken, der einen schmalen Randstreifen besetzt hielt, fuhren an einer Karawane von 400 Kamelen vorüber, deren Last nach Aussage ihrer Führer aus Uniformen bestand, näherten uns wieder dem Tigrisufer und hielten bei der Station Giara oder Tell-Kaischara, wo uns ein starker Geruch von Naphtha und Asphalt entgegenströmte. Hier tritt das Erdpech offen zutage. Vor mehreren Jahren arbeitete hier eine belgische Gesellschaft mit gutem Erfolg. Nach einiger Zeit meinten aber die Türken, den Gewinn besser selbst einstreichen zu sollen, und kündigten die Konzession. Nun fehlte die geschäftliche Erfahrung, und das Unternehmen geriet ins Stocken; Häuser und Maschinen verfielen, und das Erdpech stank in Tümpeln stagnierenden Wassers zum Himmel.

Giara.

Das Bahnhofsgebäude von Giara hatte nur einen bewohnbaren Raum, eine ungewöhnlich kühle, gewölbte Kammer, in der der Stationsvorsteher unter einem von Fliegen umschwirrten Mückennetz an Ruhr erkrankt darniederlag und aus einem primitiven Filtrierapparat, einem großen Lehmkrug mit porösem Boden, Wasser tropfen ließ. Hier mußten wir die heißesten Tagesstunden abwarten, denn die Temperatur draußen war allmählich unerträglich geworden. Schon morgens um 7 Uhr hatte sie 31 Grad betragen, um 1 Uhr stieg sie auf 41,2 und anderthalb Stunden später auf 42,6 Grad. Konsul Schünemanns persischer Schimmel hatte einen Hitzschlag und Kolik und außerdem Blutegel in Gaumen und Hals. Noch am Morgen war das Tier ganz frisch gewesen; jetzt legte es sich im Schatten des Stalles nieder und verendete. Auch im Schlund der andern Pferde hatten sich beim Trinken Blutegel festgebissen, und unsere Kutscher befreiten sie mit vieler Mühe von diesen Plagegeistern.

In der Kranken- und Fliegenstube von Giara zu übernachten, war unmöglich. Am Spätnachmittag machten wir uns daher zur nächsten Station Schura auf, die fünf Stunden entfernt sein sollte. Nahe bei Giara hatten wir ein ziemlich tief und steil eingeschnittenes Tal zu passieren, auf dessen nackter Sohle Salzkristalle schimmerten und Erdpechquellen zutage traten. Der Herzog und Busse ritten voraus; Schölvinck und ich folgten in der Droschke und fuhren in einer Morastrinne fest. Die Pferde mußten ausgespannt, der Wagen zurückgeschoben und ein anderer Weg versucht werden. Nicht besser erging es dem vorausfahrenden Automobil, das weiter vorn in einem Graben saß und nicht weiter konnte. Wir luden das Gepäck ab, aber der Wagen rührte sich nicht vom Fleck, und wir mußten warten, bis die ganze übrige Kolonne nachgekommen war. Darüber wurde es dunkel, und im Westen erhob sich drohend eine Wolkenwand, die den Mond verdeckte. Nach langem Warten kamen die andern, und mit vereinten Kräften machten wir erst das Auto wieder flott, das nunmehr jeden einzelnen Wagen über die schwierige Stelle hinüberziehen mußte; die müden Tiere allein hätten das nicht fertiggebracht. Drei Stunden kostete uns dieser Graben — eine schöne Etappenstraße!

Dann ging es weiter, Stunde auf Stunde in stockfinsterer Nacht; die Lampen des Autos wiesen den Weg. Endlich leuchtete vor uns der Schein eines Feuers auf: es war Schura, aber noch in weiter Ferne. Ein neuer Graben hielt die Wagen auf; unsere Droschke kam glücklich hinüber, und endlich tauchte die hohe Mauer des Stationsgebäudes aus dem Dunkel hervor. Hastig aßen wir auf dem Dach des Hauses unser Abendbrot und zogen uns dann sofort in unsere Mückennetze zurück, denn es war 4 Uhr, und schon ging ein neuer Tag im Osten auf.

Süßes Wasser gab es in diesem unglückseligen Dörfchen nicht. Auch der Brunnen auf dem Hof des Stationsgebäudes bot nur salzhaltiges Wasser und war für den ganzen Ort mit seinen 60 Häusern und 250 Einwohnern und ebenso für die Reisenden, für Menschen und Tiere die einzige Quelle; das Wasser eines nahen Flüßchens war ganz ungenießbar. Der Tigris war von hier drei Stunden entfernt. Es gab gewiß zwingende Gründe, die Station soweit vom Strom anzulegen, wie es wohl auch seinen Grund hatte, daß die Sumpfgräben, in denen die meisten Fuhrwerke auf dieser sonderbaren Etappenstraße verunglücken mußten, nicht überbrückt waren. Das nötige Holz mit Kelleks auf dem Tigris heranzuschaffen, konnte unmöglich schwer sein.

Schölvinck und ich waren die ersten, die am andern Tage in glühender Mittagshitze das Nest Schura verließen. Wir waren aber noch nicht weit gekommen, als wir schon wieder in einem tiefen Engpaß mit schroffen Seitenwänden und einem Salzwasserbach festsaßen. Diese hier so zahlreichen Salzquellen scheinen fast das ganze Jahr zu fließen. Wachtmeister Schmitt kam uns mit den Leuten seiner Eselkarawane zu Hilfe, aber nun ging es so schnell bergauf, daß die Deichsel in den schroff ansteigenden Boden hineinfuhr und mitten durchbrach. Die Pferde wurden wieder ausgespannt, das Wrack auf das freie Feld hinaufgezogen, und unser Kutscher machte sich in Gesellschaft des Gendarmen daran, die Deichsel zu flicken. Die armen Pferde standen derweil im glühenden Sonnenbrand und mochten kaum die elenden trockenen Halme knabbern, die ihnen die Heuschrecken übrig gelassen hatten. In einer Senkung neben der Straße weideten einige Kamele, die sich in der Hitze sehr behaglich zu fühlen schienen. Um 1 Uhr hatten wir im Schatten unseres Wagenverdecks 41,9 Grad — das versprach einen angenehmen Nachmittag!