Es war ein regelrechter Purzelbaum, den unsere Droschke gemacht hatte. Die Pferde fielen verhältnismäßig sanft in den Kies, die Deichsel zerbrach aufs neue, der Wagen stürzte auf Vorderräder und Kutscherbock und schlug vornüber, das zertrümmerte Verdeck zu unterst. Der Kutscher hatte so geschickt pariert, daß er zwischen die Pferde zu liegen und mit heiler Haut davonkam. Aber sein Begleiter, ein Stalljunge, lag schreiend im Bach. Wir zogen ihn sofort aufs Trockene; auch er konnte von Glück sagen, seine Glieder waren heil, er hatte nur einige Hautwunden an Kopf und Knien davongetragen.
Der Kutscher half den Pferden aus dem Geschirr und auf die Beine, und wir fischten nun unsere Sachen zusammen, die zum Teil auf dem Kutscherbock verstaut gewesen waren. Schölvincks photographischer Apparat war in Stücke gegangen, meiner ganz geblieben. Das Schlimmste war der zertrümmerte Wagen! Wie sollten wir nun mit Sack und Pack weiterkommen?
In diesem Augenblick erschien Konsul Schünemann wie ein rettender Engel auf den Hügeln des linken Bachufers. Er war schon in Hammam Ali gewesen, aber da wir so bedenklich lange auf uns hatten warten lassen, in Vorahnung eines Unfalls mit seiner Droschke zurückgekommen. Unsere verunglückte Equipage überließen wir nun einstweilen ihrem Schicksal, luden unsere Siebensachen auf den andern Wagen und fuhren so als gerettete Schiffbrüchige in Hammam Ali ein.
Konsul Schünemann hatte überraschende Neuigkeiten vom Kriegsschauplatz zu erzählen. Am Skagerrak hatte am 31. Mai und 1. Juni eine Seeschlacht stattgefunden, die mit einem großen Erfolg der Deutschen ausgegangen war: die Engländer hatten 23, die Deutschen nur 10 Kriegsschiffe verloren, obgleich bei Beginn der Schlacht die englische Kampfflotte der deutschen ums Doppelte überlegen war.
Die andere Neuigkeit war Kitcheners Untergang mit der „Hampshire“. In diesem energischen Heerführer Großbritanniens verloren die Zentralmächte einen gefährlichen Gegner; dennoch mußte ich seinen Tod bedauern, denn er war mein Freund oder war es doch gewesen. Ich hatte mehrfach bei ihm vornehmste Gastfreundschaft genossen und bis kurz vor dem Kriege von Zeit zu Zeit mit ihm in Briefwechsel gestanden; der Krieg hatte uns getrennt. Das wundervolle Märchen seines Lebens hatte ich stets mit Anteil verfolgt, seine männliche Energie bewundert und seinen geradsinnigen Charakter geliebt. Obgleich er in allen Dingen seine eigene, feste Meinung hatte, wußte er doch auch fremde Ansichten zu achten, und ich war stets überzeugt, daß gerade er nach dem Kriege am ersten wieder in ein leidliches Verhältnis zu dem Gegner gekommen wäre. Ich halte ihn für den größten Engländer unserer Zeit, und sein Tod hinterläßt in jedem, der ihn kannte, eine große Leere.
Schon in Mosul erreichten uns auch die bis heute noch unbestätigten Gerüchte über die Art seines Todes. Der Mann, der bei seinem Leichenbegängnis geehrt worden wäre wie kein anderer Brite, hatte nicht einmal ein Grab erhalten können, und niemand wußte, wo seine sterblichen Überreste Ruhe gefunden! Einige gerettete Matrosen hatten noch gesehen, wie Kitchener, seine Zigarette rauchend, aufrecht und ruhig auf der Kommandobrücke des sinkenden Schiffs stand. Dann hatte ihn eine schäumende Meereswoge plötzlich entführt. Wohin schweiften wohl seine Gedanken, als er die Woge kommen sah, die ihm den Tod brachte? Schossen die farbenprächtigen Bilder seines reichen Lebens noch einmal wie ein Blitz an ihm vorüber? Gedachte er der Zeit, da er mit Unterstützung des Palestine Exploration Fund die Karte des Heiligen Landes aufnahm, oder als er bei Omdurman den Mahdi und seine Derwische vernichtete? Sah er die Blockhäuser von Transvaal, und hörte er den Jubel, mit dem London den Sieger bei seiner Rückkehr begrüßte? Oder träumte er von den sonnigen Tagen in Indien, da er seinen stärksten Widersacher, Lord Curzon, niederrang und die Organisation der Armee vollendete, auf der die britische Herrschaft am Ganges beruht? Wie ein Märchen, wie etwas im höchsten Grade Unwirkliches muß ihm diese stolze Bilderreihe in diesem Augenblick erschienen sein. Welch grausame Ironie des Schicksals, daß er, der stets die größten Schwierigkeiten zu überwinden wußte, nun hilflos von einer Meereswoge dahingerafft wurde! Ob er wohl in seinem letzten Augenblick auch der beiden letzten Jahre gedachte, die seine glänzende Vergangenheit verdunkelten? Hatte er eingesehen, daß er jetzt auf einen Feind gestoßen war, der nicht besiegt werden konnte, daß Englands Herrschaft auf dem Weltmeer zu Ende ging und daß es für ihn selbst hieß: „Bis hierher und nicht weiter“? Eines hatte ihm jedenfalls das Schicksal gnädig erspart: die Niederlage Englands zu erleben.
Man hat gesagt, Kitchener sei, als er unterging, auf dem Wege nach Rußland gewesen; er habe für gemeinsame Operationen der Ententemächte gegen Deutschlands Nordfront wirken sollen — lauter Vermutungen. Die Wissenden sind stumm.
Mit solchen Gedanken zog ich in Hammam Ali ein, ein kleines Dorf von etwa zehn Hütten inmitten weiter Ackerfelder, mit einem türkischen Erholungsheim für Offiziere und einem Kavekhane, vor dem ich unser Lager aufgeschlagen fand.
Kleine Brücke auf dem Wege nach Mosul.