⇒
GRÖSSERES BILD
Am folgenden Tag machte sich die Nähe einer größeren Stadt allenthalben bemerkbar. Zahlreiche Reiter, Männer und Frauen, auf Pferden und Mauleseln, begegneten uns. Ein türkischer Beamter reiste mit seiner ganzen Familie südwärts, und ein vornehmer Araber schien auf seinem Pferde zu schlafen im Schatten eines weißen Sonnenschirms, den ein Diener, der hinter dem Herrn auf der Krupe des Pferdes saß, halten mußte. Zahlreiche Fußgänger belebten den Weg; Landleute kamen schwer bepackt vom Einkauf in den Basaren. Der eigenartige Charakter der Etappenstraße blieb aber auch jetzt derselbe; er steigerte sich noch durch zahlreiche Brücken und Brückchen aus weißem Kalkstein, die nach Aussage des Kutschers höchstens zehn Jahre alt, aber durch Regengüsse und Sturzbäche mehr oder weniger zerstört waren. Viele waren völlig eingestürzt, nur ihre Pfeiler standen noch; zum mindesten fehlten auf dem Fahrweg etliche Steinplatten, so daß ein Fuhrwerk, besonders bei Nacht, elend steckenbleiben mußte. Alles, was Wagen hieß, vermied denn auch mit Sorgfalt diese „modernen“ Verkehrsmittel im alten Assyrien und fuhr rechts oder links daran vorbei, je nachdem die Abhänge der Hohlwege und Wadis passierbar waren!
Schließlich führte die Straße auf eine flache, steinige Schwelle hinauf. Von hier aus erblickte ich das gewundene, graubraune Ufer des Tigris, um das sich ein Haufen grauer Häuser ballte, aus denen zahlreiche Minarette emporragten. Das war Mosul, und im Norden, auf dem linken Tigrisufer, die eintönig graubraune Landschaft barg die Ruinen von Ninive.
Eingang zum Basar in Mosul.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Mosul.
Der Dolmetscher des deutschen Konsulats in Mosul war uns entgegengeritten und geleitete uns zu den Häusern der Bagdadbahn am äußersten Südende der Stadt, Gebäuden im üblichen Stil, mit viereckigen, gepflasterten Höfen und kleinen Gruppen buschiger Maulbeer- und Olivenbäume. Hier sollte unsere Wohnung sein. Ich erhielt ein treffliches Zimmer im Erdgeschoß, das sogar mit einem Sofa, einem Tisch, etlichen Stühlen und einer Badewanne möbliert war; mein Schlafgemach war der Hof, in den nur wenige Stunden am Tage die Sonne hineinschaute. Einige meiner deutschen Freunde bereiteten sich ihre Lagerstätte auf dem höchsten Dache, das von einer ziemlich hohen Mauer umgeben war, ein Zeichen, daß ein Araber das Haus gebaut hatte, der seine Frauen profanen Blicken entziehen wollte. Auf der Mauer nisteten mehrere Störche, deren Geklapper in den Höfen besonders laut widerhallte, wenn die zahlreichen Katzen der Stadt über Dächer und Höfe jagten oder ihre nächtlichen Konzerte veranstalteten.
Ein Storchennest auf unserm Dach.
Nachdem wir uns mit Hilfe unseres Gepäcks ein wenig eingerichtet hatten, war unser erster Gang zum deutschen Konsulat, einem von prächtigen Gärten umgebenen Komplex von mehreren stattlichen Gebäuden im Süden der Stadt, etwas entfernt vom Tigris. Der deutsche Konsul, Dr. Holstein, nahm uns mit gewinnender Liebenswürdigkeit auf, und sein Haus wurde für uns fast ein Klublokal, in dessen Räumen man immer Freunde oder Bekannte zu treffen sicher war. Außer uns — dem Herzog, Rittmeister Schölvinck, Leutnant Busse und mir — verkehrten dort Major Köppen, Leutnant Staudinger, Stabsarzt Schwarz, der deutsche Konsul Wustrow aus Teheran und der österreichische Konsul Dr. Jarolymek, der auf der Etappenstation in Mosul tätig war. Solange des Herzogs eigene Küche noch nicht imstande war, mußten wir auch zum Mittag- und Abendessen Dr. Holsteins unbegrenzte Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, und am Abend versammelten wir uns regelmäßig auf einer der schattigen Dachterrassen, um die neuesten Telegramme zu hören oder die Zeitungen zu lesen, die nach einer Reise von mehreren Wochen angelangt waren. Vom Dach des Konsulats, auf dem an gewaltigem Mast die deutsche Reichsflagge wehte, hatte man eine weite Aussicht auf die grauen Häuser und gewundenen Straßen der halbmondförmigen Stadt, den berühmten Damm, die unfruchtbare Öde der Steppe und des persischen Grenzgebirges und auf das englische Gefangenenlager am Tigrisufer mit seinem Wirrwarr von Zelten und seinem Gewimmel von Menschen und Tieren. Schon 8600 Gefangene hatten bisher dort unten gelagert; auch der irische Priester, den ich in Bagdad und Samarra getroffen hatte, kam während meines Aufenthalts in Mosul hier durch.