Am 11. Juni, dem ersten Pfingstfeiertag, begleitete mich Dr. Jarolymek auf einer Rundfahrt durch Mosul. Wir fuhren nach Nordwesten die Stadtmauer entlang bis Bab-el-beith, dem Eiertor; eine alte Inschrift über dem Torbogen erklärt den Namen: sie erzählt von einer ehemaligen Hungersnot, bei der man für einen Para (etwas über 40 Pfennig) nur 40 Eier erhalten habe! Jetzt kostete ein Ei 6–7 Para, also einen Taler, ohne daß eine Hungersnot herrschte. Die Stadtmauer ist etwa 300 Jahre alt und mit einigen runden Türmen besetzt. Die übrigen Tore heißen Bab-el-dschedid, Bab-Sindschar, Bab-Ligisch und Bab-el-Tob; letzteres und Bab-Sindschar sind jetzt zerstört.
Vom Eiertor folgten wir der grauen Mauer nach Norden und bogen dann nach Nordwesten ab, sahen eine Schule, die jetzt Krankenhaus war, das Städtische Lazarett und das Judenviertel, dessen Bewohner sich hauptsächlich durch Herstellung von Silberschmuck ihren Lebensunterhalt erwerben, ließen das englische Konsulat, das jetzt von der türkischen Regierung mit Beschlag belegt war, links liegen und hatten nun die alte Seldschukenburg vor uns, die sich auf steiler Klippe hoch über dem rechten Tigrisufer erhebt.
Der Blick von dort oben gehört ohne Zweifel zu den merkwürdigsten, die sich auf Erden dem Auge bieten. Von Schönheit der Landschaft kann man dabei nicht eben sprechen. Das Tal des Satledsch durch den Himalaja, die Grusinische Heerstraße über den Kaukasus, die Ufer des Brahmaputra von den Abhängen des Transhimalaja aus gesehen — welche Fülle von Schönheit bieten sie gegenüber dem dürftigen Strande des Tigris! Und Aleppo, Damaskus und Jerusalem nehmen sich, von oben gesehen, weit stolzer aus als dies kleine, unbedeutende Mosul. Aber in einer Beziehung übertrifft die Aussicht von der alten Seldschukenburg doch alle übrigen, denn im Mittelpunkt dieser Landschaft liegt Ninive, die älteste Königsstadt der Erde. Im Osten reicht der Blick bis zu den Bergen von Rowandus und im Norden bis zum armenischen Taurus, über dessen Kamm bei klarem Wetter schneebedeckte Gipfel stehen.
Die Seldschukenburg aus der Nähe.
Rechts der Tigris.
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GRÖSSERES BILD
Gerade unterhalb der Burg macht der Tigris eine Wendung und verschwindet im Nordwesten, von wo er kommt, und im Südosten, auf dem Wege nach Bagdad, in blauer Ferne. Er ist aber hier in Mosul viel weniger imposant als in der Stadt der Kalifen, wo seine Wassermenge, trotz der starken Verdunstung auf dieser Strecke, viel bedeutender erscheint infolge des Zuflusses des Kleinen und Großen Zab, des Zabatus Minor und des Zabatus Major.
Unten am Ufer saßen Hunderte von Frauen und spülten und klopften ihre Wäsche. So sitzen sie dort jahraus, jahrein in brennender Sommersonne und in der Winterkälte, die hier viel stärker sein soll als in Bagdad, denn Mosul liegt 250 Meter über dem Meeresspiegel, Bagdad nur 50. Die Sommertemperatur ist aber in beiden Städten ungefähr die gleiche.
Oberhalb der Fähre wurde eine Herde schwarzer Büffel über den Strom getrieben. Das Bad gefiel ihnen offenbar, denn sie schwammen langsam und ließen sich ein gutes Stück nach der Brücke hinabtreiben, bis sie, vom Wasser glänzend und tropfend, das jenseitige Ufer erreichten.
Südlich der Seldschukenburg hielten wir bei der kleinen Grabmoschee Jahija Abu Kasim, deren schöne, mit Fayence bekleidete Vorderseite in ihrer Wirkung beeinträchtigt wird durch ein später gebautes, vorstehendes Marmorportal. Gleich dem Grabe der Sobeïd in Bagdad hat dieses Mausoleum statt einer Kuppel ein spitzes, pyramidenförmiges Dach, das für andere Grabdenkmäler dieser Gegend vorbildlich gewesen ist.