Nahe dabei stehen dicht am Ufer die Ruinen offenbar einer ehemaligen Moschee namens Bedretdin Sultan Lulu, wo man dicht am Ufer zahlreiche Fische im Strom beobachten kann. Von drüben hört man das Wimmern der Wasserräder, die schmale Streifen Ackerland bewässern, und ab und zu kommen merkwürdige Fahrzeuge durch die Brücke geschwommen; sie sehen wie losgerissene Inseln aus, und in ihrer Mitte sitzen ein paar Leute wie Eier in einer Schüssel Spinat; es sind kleine Kelleks, deren Holzrost, von aufgeblasenen Ziegenfellen getragen, oben mit Reisig und Zweigen bedeckt ist.
Nach dieser ersten orientierenden Rundfahrt durchwanderte ich nun Tag für Tag die Straßen Mosuls, die denen von Bagdad an malerischem Reiz weit nachstehen, denn der herrliche Schmuck der Palmen fehlt hier ganz; überhaupt sieht man in der Stadt kaum eine Spur von Grün. Dafür sind aber die Häuser Mosuls stattlicher und viel fester gebaut, nicht aus schlecht gebrannten Ziegeln, sondern aus Stein, der Jahrhunderte überdauert. Der Stil ist derselbe wie in Bagdad, die Architektur aber reicher und vornehmer. Von der engen, schmutzigen Gasse führt ein unansehnliches Tor mit einem Eisenklöppel oder -ring durch einen Gang auf den viereckigen, gepflasterten Hof, wo ein kleines Wasserbecken einige Kühle und bestenfalls niedrige Maulbeer- und Orangenbäumchen etwas Schatten verbreiten. Sofas und Stühle zeigen, daß hier tagsüber der Wohnraum der Familie ist. Das Erdgeschoß des Hauses enthält Küche, Vorratskammern, Holzschuppen, Ställe und Dienstbotenwohnungen. Der nach dem Hof offene Empfangsraum (Eivan oder Ivan) ist wie in Bagdad zu ebener Erde oder auch eine halbe Treppe hoch, mit Eingang von der ersten Galerie. Die Privatgemächer, Schlafräume usw., liegen eine Treppe höher. Darüber ist das flache Dach, auf dem man die heißen Sommernächte zubringt.
Stickende Araberin in Mosul.
Die Front der Häuser ist nicht nach der Straße, sondern nach dem Hof hinaus, denn der Orientale verbirgt sein Familienleben eifersüchtig vor der Außenwelt. Das gilt auch für christliche, syrische und chaldäische Häuser. In diese erhält man leicht Zutritt, die weiblichen Angehörigen gehen unverschleiert und beteiligen sich an der Unterhaltung mit dem Gast. Aber man muß schon ein sehr guter Freund des Hauses sein, wenn selbst die christlichen Frauen in Gegenwart eines Europäers ihre angeborene Scheu überwinden sollen. Die Hoffront vornehmer Häuser zeigt reichen Marmor- oder Alabasterschmuck, hauptsächlich an den Seitenflügeln, denn den Rücken des Vorderhauses, durch das man eintritt, bilden die schattigen, von Steinsäulen getragenen Pferdeställe. Die eigentliche Hauptfront gegenüber ist zum größten Teil von Galerien bedeckt, und die vergitterten Bogenfenster darunter lassen wenig Raum zu ornamentalem Schmuck. Dieser beschränkt sich daher auf das untere Mauerwerk, während die Wände der Seitenflügel bis zum Dach hinauf mit Blumengewinden und Blattwerk in Relief verziert sind. Auch die höchsten Fenster haben zum Schutz gegen Einbrecher dicke Gitter; die Eisenstangen sind an ihren Kreuzungspunkten noch durch Ringe gesichert. Gegen die Sonne schützen Holzläden, wie man sie auch in Konstantinopel findet.
Vier Musikanten vor der Treppe, die vom Hof zum Empfangsraum hinaufführt.
Die mit Marmorreliefs geschmückte Hoffront eines vornehmen Hauses in Mosul.
⇒
GRÖSSERES BILD