Moschee in Mardin.

Die Rückfahrt gestaltete sich ein wenig dramatisch. Auf der steilen Straße geriet meine Karosse ins Rollen, die Bremse versagte, die beiden Pferde glitten aus, eines stürzte, und die Deichsel stieß gegen eine Mauer und zersprang wie Glas. Eine neue Deichsel war nicht aufzutreiben, die alte mußte daher bei einem Schmied im Basar notdürftig geflickt werden. Bis sie fertig war, schrieb ich in meinem Wagen mein Tagebuch, wobei mir eine Schar von Jungen und Erwachsenen neugierig zusah. Darüber brach der Abend herein.

Endlich kam der Gendarm, den mir der Mutessarrif mitgegeben hatte, mit der Deichsel an, und wir fuhren langsam weiter. Zwei Pferde hatte ich mit einem kleinen Stallburschen bis zur ersten Wegbiegung vorausgesandt. Aber als wir jetzt dort anlangten, war der Junge nicht zu finden. Sale mußte auf dem Pferd des Gendarmen in die Stadt hinauf zurückreiten, entdeckte aber auch dort nichts von dem Flüchtling. Unterdes setzte ich meine Fahrt nach abwärts unter großer Vorsicht fort, jeden Augenblick bereit, aus dem Wagen zu springen, wenn in dem zunehmenden Dunkel die Pferde auf der abschüssigen und gewundenen Straße einem Abhang zustrebten. Ich atmete auf, als wir endlich wieder glücklich in der Ebene waren.

Bei stockfinstrer Nacht erreichten wir das Dorf Gulli, wo das wahnsinnige Gekläff der Hunde die ganze Bewohnerschaft munter machte. Hier rasteten wir drei Stunden. Dann ging es weiter nach Charabilme, wo die Deichsel abermals in Stücke ging und die Pferde in die Seiten stieß. Diese wurden scheu und stürmten in die Steppe hinaus. Sale sprang vom Wagen und blieb wie tot liegen. Als der Kutscher endlich die Tiere zum Stehen brachte, eilten wir zu dem Verunglückten zurück und fanden ihn, zwar mit geschundener Stirn und blutenden Knien, aber sonst unverletzt. Nun flickten wir die Deichsel so gut es ging zusammen, und der Kutscher führte die Pferde am Zügel. Darüber wurde es Tag, und um ½5 Uhr langten wir endlich in Tell-Ermen an.

Nach langem Suchen fand ich dort meine Reisekameraden Tafel und Erdmann. An sofortigen Aufbruch war aber nicht zu denken. Professor Tafel hatte sich noch nicht erholt, einer der Kutscher war ebenfalls erkrankt, und ein glühend heißer Sturm, der die Temperatur auf über 40 Grad erhöhte und unser kleines Zeltlager unter erstickenden Staub- und Sandwolken begrub, erweckte die größte Besorgnis für das Schicksal der Patienten. Obendrein fehlte noch immer der Stalljunge mit den beiden Pferden, und eines unserer Reitpferde schwebte ebenfalls zwischen Tod und Leben. Zwei Mann mußten nochmals nach Mardin zurückreiten, um die ersteren zu suchen. Ohne eine Spur von ihnen entdeckt zu haben, kehrten sie zurück. Aber fast gleichzeitig mit ihnen traf auch der Vermißte bei uns ein; er hatte sich schon in Mardin verirrt und sich am Morgen einigen Syriern angeschlossen, die nach Tell-Ermen fuhren. Es war eine Leistung von dem zehnjährigen Bengel, mitten durch die überall auftauchenden Soldaten, die alles requirierten, was sich an Pferden und Wagen fand, seine beiden Gäule ohne Beschlagnahme durchzubringen, und statt der Schelte, die er wohl erwartet hatte, empfing ihn ein tüchtiges Frühstück als Lohn für seine Gewandtheit.

Sale in Aleppo.


GRÖSSERES BILD

Am Abend stellte sich glücklicherweise Regen ein, und am Morgen des 28. Junis war die Temperatur auf 20,1 Grad gefallen, so daß uns die „Kälte“ durch Mark und Bein ging. Sie erfrischte aber die Kranken, so daß wir unsere Fahrt auf der jetzt vortrefflichen Straße fortsetzen konnten. Starke türkische Truppenabteilungen, Trainkolonnen und Kamelkarawanen zogen an uns vorbei oder rasteten am Wege. Auch englische und indische Gefangene waren wieder auf dem Marsche; sie mochten Gott danken, daß sie glücklich bis in die Nähe der Eisenbahn gelangt waren. Über die beiden Arme des Dschirdschib führten jetzt feste Brücken, und an der Fortsetzung der Bagdadbahn nach Osten wurde mit Hochdruck gearbeitet.